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Heute gibt es mal wieder ein Erzählung aus West-Norsileum. Ommo Drahtbart ist auf der Jagd im Finsterwald und will in der Nähe von Bärenfels einen alten Jagdfreund besuchen. Als er dessen Hof erreicht, ist dort Schreckliches geschehen und noch Schlimmeres kann er gerade noch verhüten…

Das Gesetz der Orks

Es war einer jener Herbsttage, an denen ein echtes Jägerherz gar nicht anders kann, als hinaus zu gehen auf die Jagd.

Die Sonne schien auf den Finsterwald und in der Luft war jene besondere milde Wärme, welche die schönen Tage des Spätsommers und des Herbstes in Nordwest-Norsileum so unvergleichlich macht. Zwischen dem Gelb des Bergahorns, den verschiedenen Rottönen und dem goldenen Braun der Buchen lugten vereinzelt die grünen Blätter der stolzen Esche hervor, die trotzig ihr Sommerkleid behält, bis es ihr vom Leib fällt.

Es war Orksommer im Finsterwald, ein milder Herbst, ein Goldener Mond des Wisents. Eine Zeit, in der Ommo Drahtbart seinen Standardspruch vom Herbst, welcher der wahre Sommer des Jägers sei, öfter klopfte als in anderen Jahren. Der Zwerg saß auf seinem stämmigen Pony, hatte gerade am Rande der Lichtung unweit von Bärenfels halt gemacht, auf der das Gehöft von Bekor lag, seinem alten Jagdfreund. Zufrieden blinzelte er in die Sonne, als er aus dem Wald kam und blickte dann auf die Hoffläche vor ihm.

Der Platz zwischen den niedrigen Gebäuden der orkischen Hofstelle lag still in der Nachmittagssonne. Eine Spur zu still, wie es Ommo langsam aufging, als er auf den Hof ritt. Er wendete den Kopf zu Grisnira der Schneepantherin, seiner treuen Gefährtin und sah sie ratsuchend an. Die rabenschwarze Katze erwiderte seinen fragenden Blick und signalisierte ihm, dass sie ebenfalls der Ansicht war, dass hier etwas nicht stimmte.

Plötzlich raschelte etwas hinter einem der Nebengebäude und die Zweige der Büsche über dem niedrigen Dach des Schuppens bewegten sich. Zwerg und Katze blickten zunächst in die Richtung des Geräusches und sahen sich dann wieder an. Als Ommo gerade aus dem Sattel gerutscht war um zu Fuß hinter den Schuppen zu gehen, hörte er Wimmern und Schluchzen aus der offenen Tür des Wohngebäudes.

So schnell ihn seine stämmigen, kurzen Zwergenbeine trugen, sprintete Ommo dorthin. Was er durch die Küchentür sah, erfüllte selbst den hartgesottenen Jäger mit Entsetzen und brannte sich binnen Bruchteilen einer Sekunde in seine Netzhaut: Fana, das Eheweib von Bekor war breitbeinig auf den Küchentisch gefesselt, ihre leinene Hose und das Hemd aus dem gleichen Stoff zerfetzt, Brüste und Unterleib entblößt.

„… werde ich Dir fein säuberlich die Kehle durchschneiden, Orkschlampe…“ hatte Ommo noch im Herbeispringen gehört. Der Bursche, der das mit einem widerlichen Lachen gesagt hatte, hielt ein langes orkisches Jagdmesser in der Hand. Mit der anderen hielt er noch seine offene Hose, die er offenbar gerade hochgezogen hatte.

Das lähmende Entsetzen, das Ommo hatte erstarren lassen, währte nur einen kurzen Moment. Dann stieg der furchtbare, blutig rote Zwergenzorn in ihm auf. Während sich, ohne dass er recht wusste, was er tat, Ommos Arme mit der schweren, rasiermesserscharfen Streitaxt weit über seinen klobigen Schädel erhoben stieß er eine seiner obszönsten Beschimpfungen aus.

Das Letzte, was der Vergewaltiger auf dieser Welt zu hören bekam, war, brachte ihn mit nicht ganz alltäglichen geschlechtlichen Handlungen sowie Körperöffnungen und Geschlechtsteilen gewisser Haustiere in Verbindung. Dann spaltete die Zwergenaxt nicht nur seinen Schädel vollständig, sondern auch noch seinen Brustkorb bis zum Sternum. Als die Muskeln in seinen Unterarmen erschlafften, öffneten sich seine Finger. Zunächst fiel das Messer klirrend zu Boden, dann rutschte seine Hose herunter und entblößte die teigige, ekelhaft grauweißliche Haut seiner Arschbacken.

Bevor der tote Wilderer, um einen solchen handelte es sich nämlich offenbar, zusammensacken konnte, stemmte Ommo ihm den Fuß ins Kreuz, zog seine Axt heraus und beförderte ihn gleichzeitig mit einem Fußtritt in die Ecke. Dann klaubte er das Messer auf, zerschnitt die Fesseln der Orkfrau, die jetzt hysterisch zu schreien begonnen hatte, und zog sie auf die Beine.

„Es ist vorbei Fana“, brummte Ommo, „das ekelhafte Schwein ist mausetot und kann dir nichts mehr tun.“ Er legte den Arm um den Brustkorb der Frau (bis zu den Schultern reichte er ja nicht), die nun die Hände vors Gesicht geschlagen hatte und immer nur schrie. Er sprach weiter beruhigend auf sie ein: „Alles ist gut, es kann dir nichts mehr passieren…“

Als das nichts half, schüttelte er sie kurz und heftig, wobei er einen scharfen Schrei ausstieß. Das holte Fana in die Wirklichkeit zurück.

„Gar nichts ist gut, sie haben meinen kleinen Pan’tokar“, wimmerte sie jetzt, „seine Komplizen sind mit ihm davon.“

„Scheiße!“ entfuhr es Ommo. Dann ging es ihm auf: „Die können noch nicht weit sein, als ich auf den Hof kam, hat sich etwas hinter dem Schuppen bewegt! Das waren sie wohl, als sie sich verdrückt und ihren Kumpel hier im Stich gelassen haben.“

„Dann nichts wie hinterher!“ Schlagartig hatte die Orkfrau zu wimmern aufgehört und sich gefasst. Das plötzliche Bewusstsein, etwas tun zu können, hatte sie zu sich kommen lassen. Sie riss sich die Reste ihrer Kleider vom Leib, rannte in die Kammer und kehrte mit einem Lendenschurz zurück, den sie sich hastig umschlang. Sie griff sich ein Wehrgehänge mit einem kurzen Jagdschwert von der Wand und Bekors bewährte Saufeder, die Ommo einmal für ihn geschmiedet hatte.

Bis Ommo zu einem Reittier zurückgekehrt und in den Sattel geklettert war, hatte Fana bereits eines der kleinen, stämmigen Waldpferde aus dem Stall geholt, ihm ein einfaches orkisches Reithalfter übergestreift und war auf seinen Rücken gesprungen.

Von der Rückseite des Schuppens führten gut erkennbare Hufspuren in den Wald. „Sie sind offenbar in Richtung Straße“, vermutet Fana. „Leider haben diese Dreckschweine mir auch den Hund erschlagen, der könnte uns sonst gute Dienste leisten.“

Jetzt wusste Ommo auch, was vorhin gefehlt hatte, warum ihm der Hof zu still erschienen war: Das Gebell hatte gefehlt, mit dem die Hofhunde der Orks sonst jeden Besucher ankündigten.

„Grisniras Nase ist zwar nicht so fein wie eine Hundenase, aber eine frische Spur kann sie allemal verfolgen“, meinte er.

An der Straße wandte Grisnira sich ohne zu zögern nach links. Offenbar war die Spur noch ganz frisch. Es war ja auch noch nicht lange her, seitdem Ommo auf den Hof gekommen war und die Komplizen verschwunden waren.

„Sie sind in Richtung auf das Gebirge gezogen“, vermutet Fana erschrocken. Sie sagte nichts weiter und auch Ommo nickte zunächst lediglich. Beide wussten jedoch, was das höchstwahrscheinlich bedeutete, auch wenn es keiner aussprach: Die Verbrecher wollten den kleinen Orkbuben im ehernen Gebirge an einen Trollschamanen verkaufen, der ihn als Opfer für irgendeine seine grausigen Zeremonien brauchte.

„Sie werden aber nicht weit kommen“, brummte er dann beruhigend.

*

Sie waren ein kleines Stück weit geritten während dessen Fana Ommo erzählt hatte, was sich vorher zugetragen hatte: Bereits vor ein paar Wochen war Bekor von der Arbeit auf dem Topinamburfeld in der Nähe nicht zurückgekehrt. Als sie nachsehen gegangen war, wo ihr Mann bliebe, hatte sie ihn mit durchschnittener Kehle gefunden. Und heute waren diese drei Gestalten auf ihrem Hof aufgetaucht…

Ommo wusste, dass Bekors Familie Fana nicht besonders mochte. Das war auch der Grund dafür gewesen, dass die beiden sich den kleinen Hof ein Stück außerhalb von Bärenfels aufgebaut hatten. So war er auch nicht besonders verwundert, als ihm Fana erzählte, dass Bekors Familie sie verdächtigte, ihren Mann getötet zu haben. Der Tod seines Jagdfreundes betrübte Ommo und auch Fana, die ihn sehr geliebt hatte, tat ihm Leid. Doch zum Trauern würde später Zeit sein. Jetzt galt es, den kleinen Pan’tokar zu retten.

„Achtung, da vorne…“ zischte er nach einer kleinen Straßenbiegung auf einmal, glitt aus dem Sattel und zog das Pony mit sich ins Unterholz am Straßenrand. Die Orkfrau reagierte sofort und tat es ihm gleich. Im Gebüsch holte Ommo sein Spektiv hervor, zog es auseinander und richtete es auf das, was er gesehen hatte.

Die Straße führte mit einer leichten Steigung an einem Berghang entlang. Vielleicht eine halbe Meile entfernt, machte sie eine scharfe Biegung um, wie Ommo wusste, dann in entgegengesetzter Richtung weiter den Berg zu erklimmen.

„Da vorne sind sie! Und Deinen Sohn haben sie auch dabei.“ Ommo beobachtete die zwei Reiter, von denen der eine den gefesselten Orkbuben an einem Strick hinter sich her zog. Offenbar kamen Sie deswegen nicht gut voran, so dass Ommo und Fana sie bereits nach so kurzer Zeit hatten einholen können.

„Und der Platz könnte nicht besser sein, um sie abzufangen.“ Ommo lachte grimmig. Er kannte sich hier aus und er wusste, dass die Straße nach der Biegung ein Stück oberhalb der Stelle, an der sie sich befanden, wieder vorbei führte. Es würde kein ganz leichter Aufstieg werden, vor allem für das Pony, aber es war durchaus zu bewältigen. Der Zwerg überlegte einen Augenblick, ob er es besser zurücklassen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen: Wenn es nicht auf Anhieb so klappte, wie er sich das dachte, mussten sie alle beide ihre Reittiere für die weitere Verfolgung zur Verfügung haben.

„Ob du weißt, wie sich ein Eichelhäher anhört, brauch ich dich ja wohl nicht zu fragen“, meinte Ommo zu Fana, „und sicher auch nicht, ob du selbst einen nachmachen kannst…“

Die Orkfrau grinste schief.

„Also wenn du den Eichelhäher hörst, weißt du, dass ich den Aufstieg geschafft habe und so weit bin. Dann schließt du auf das Pack auf und antwortest mit dem gleichen Ruf, wenn du bereit bist, von hinten anzugreifen.“

Fana nickte und Ommo verschwand mit seinem Pony am Zügel und gefolgt von Grisnira im Unterholz am Hang.

*

Hartwig Eimer ärgerte sich ein bisschen. Ein wenig machte er sich auch Sorgen. Was würde Zeno sagen, falls er überlebt hatte und falls er ihn je wieder sah? Immerhin hatte er ihn ja genau genommen im Stich gelassen, als dieser vermaledeite Zwerg plötzlich auf dem Hof dieses Orktrottels und seiner Pritsche aufgetaucht war. Aber schließlich war der Idiot ja selbst schuld. Was musste er sich auch noch unbedingt mit dieser Orkschlampe vergnügen? Er hätte kurzen Prozess mit ihr machen sollen. Das Orkblag hatten sie ja bereits eingesackt, also warum hatten sie nicht schnellstmöglich verschwinden können? Nicht nur Hartwig Eimer kannte genug Geschichten, von Männern, die von ihren Eiern an den Galgen gebracht worden waren…

Er drehte sich zu Pan’tokar um, den er an einem Strick hinter seinem Pferd her zog. Der kleine Ork machte ein trotziges Gesicht, obwohl er bereits sichtlich erschöpft war. Sollte er doch! Er hatte keine Chance zu entkommen und der Trollschamane würde gutes Geld für ihn bezahlen. Irgend so ein Trollfeiertag stand bevor und da musste offenbar etwas geopfert werden…

Der Gedanke an das Gold, das er für den Orkbengel bekommen würde, heiterte Hartwig Eimer ein wenig auf. Seine Laune besserte sich noch mehr, als ihm einfiel, dass nun ja einer weniger da war, mit dem er teilen musste. Und warum sollte er eigentlich mit diesem Norbert Schinzanger, dem verbliebenen Partner teilen? Der Kerl war dumm wie Goblinscheiße; es bedurfte wohl keiner besonderen Kunstfertigkeit, ihn zu beseitigen…

Hartwig erschrak kurz, als links vor ihm im Wald ein Geräusch ertönte. Als ihm klar wurde, dass es nur der Schrei eines Eichelhähers war, beruhigte er sich jedoch sogleich. Er hatte gerade wieder angefangen, seinen Gedanken nachzuhängen, als ein zweiter Eichelhäher schrie. Und zwar diesmal ein Stück hinter ihnen. Das war seltsam. Und nun fiel ihm auch ein, irgendjemand hatte ihm einmal erzählt, dass die Orks sich im Wald manchmal mit Hilfe dieses Schreis verständigten…

Hartwig Eimer wollte gerade anfangen, sich Sorgen zu machen, da stand dieser rothaarige Zwerg vor ihm. Eimer hatte nicht gesehen, wo er hergekommen war. Er war einfach auf einmal da, stützte sich auf seine zweihändige Axt und sah Eimer an.

*

„Einen wunderschönen guten Tag, werter Herr“, grüße Ommo höflich, kam dann aber ohne weitere Umschweife zur Sache: „Ihr habt da etwas, das ich gerne haben möchte.“ Er wies mit einer leichten Kopfbewegung auf den gefesselten Orkjungen und zwinkerte ihm dabei beruhigend zu.

Hartwig Eimer versuchte überlegen zu bleiben: „Sooooo“, meinte er gedehnt, „aber stellt euch einmal vor, Herr Zwerg, ich denke nicht im Traum daran, es euch zu geben! Der kleine Lümmel ist nämlich einen ansehnlichen Haufen Gold wert.“

„Na so was!“ Ommo grinste freundlich. „Dann werde ich mir den Buben wohl ohne euer Einverständnis nehmen müssen…“

„Und wenn ich ihn euch nicht kampflos überlasse?“

Während des Wortwechsels zwischen Ommo Drahtbart und Hartwig Eimer hatte Schinzanger eine kleine Armbrust zu Hand genommen und war gerade dabei, sie zu spannen. Ommo sah ihn vorwurfsvoll an und wendete dann den Blick leicht nach rechts, wo ein rabenschwarzer Katzenkopf mit grünen Augen gespannt aus dem Unterholz lugte. Ommo hätte wieder einmal schwören können, dass die Katze amüsiert grinste.

„Und du abgesägter Oger glaubst tatsächlich, dass ich auf diesen uralten Trick hereinfalle?“ fragte Eimer, der Ommos Kopfbewegung sehr wohl registriert hatte und begann scheppernd zu lachen.

Ommo grinste weiterhin freundlich und zuckte mit keiner Wimper. Auf einmal endete Eimers Lachen mit einem gurgelnden Geräusch und seine Augen weiteten sich. Dann blickte er auf sein Brustbein, aus dem auf einmal die Spitze einer Saufeder ragte. Einen Moment vorher war sie noch nicht da und nun sah es so aus, als wenn sie schon immer dort gewesen wäre. Ommo grinste immer noch, als Norbert Schinzanger, der es geschafft hatte, seine kleine Armbrust zu spannen, diese erhob.

Oder vielmehr erheben wollte. In diesem Moment schoss nämlich ein schwarzer Schatten aus dem Gebüsch am Wegrand auf ihn zu und 200 Pfund stahlharte Katzenmuskeln rissen ihn vom Pferd. Der Schuss löste sich aus der Armbrust und der Bolzen blieb im Stamm einer uralten Wetterfichte hoch über Ommos Kopf stecken. Jetzt sprang der Zwerg mit erhobener Axt auf den Komplizen zu, während Hartwig Eimer der Strick aus der Hand glitt und er sich ganz langsam auf die Seite zu neigen begann, bis er schließlich aus dem Sattel fiel.

Mit einem gewaltigen Satz war Ommo bei Schinzanger und schwang seine Axt. Doch der lag wimmernd am Boden, hob schützend die Arme über den Kopf und ergab sich. Ommo ließ die erhobene Axt sinken. Einen Gegner, der sich ergeben hatte, tötete ein Zwerg nicht. Ein sauberer Hieb der Zwergenaxt oder Grisniras Genickbiss wären zwar gnädiger gewesen als das, was den Mann jetzt bei den Orks erwartete, aber das war nicht Ommos Problem. Er pfiff seinem Pony, um aus der Satteltasche einen Strick zu holen, mit dem er den vor Angst schlotternden Schinzanger sicherheitshalber binden wollte.

Während dessen hatte Fana den kleinen Pan’tokar von seinen Fesseln befreit. Sie weinte vor Freude, herzte und küsste das Kind, gab ihm Kosenamen wie es alle Mütter auf ganz Endom und wohl auch im Rest des Universums in solchen Situationen von jeher getan haben und immer tun werden. Auch Ommo wischte sich verstohlen eine dicke Zwergenträne aus dem Augenwinkel.

„Mami, du und Onkel Ommo, ihr ward ganz große Klasse! Und Grisnira natürlich auch!“

Jetzt lachten Ommo und Fana, während der kleine Ork zu der Schneepantherin lief und sie umarmte, worauf diese artig Köpfchen gab – und schon wieder grinste, wie sich Ommo ganz sicher war.

Dann wurde Fana ernst: „ich habe noch etwas zu erledigen“, sagte sie hart und trat zu dem immer noch lebenden Hartwig Eimer.

„Fana, der Mann ist wehrlos…“ protestierte Ommo der Forma halber, denn er wusste, dass er die Orkfrau nicht aufhalten würde.

„Der gehört mir. So ist das Gesetz der Orks im Finsterwald. Der andere eigentlich auch, aber dem hast Du ja Pardon gewährt. Was er übrigens noch heute bereuen wird…“

Sie lachte hart, drehte den verkrümmt aus der Seite liegenden Wilderer auf den Bauch,wobei sie die Saufeder, die immer noch in seinem Rücken steckte, als Hebel benutzte und mit dem nackten Fuß nachhalf. Dann zog sie den Spieß aus dem zuckenden und röchelnden Mann, wischte ihn an seiner Hose ab und warf ihn Ommo zu.

Der fing die Waffe auf, legte den Arm um den kleinen Pan’tokar und wies in die Richtung aus der gerade sein Pony angetrottet kam: „Schau, da kommt das Pferdchen, auf dem du heim reiten darfst.“

Unterdessen hatte Fana das Jagdschwert gezückt und riss Hartwig Eimer an den Haaren auf die Knie. Ommo zuckte zusammen als er das Geräusch hörte, mit dem das Schwert Halsmuskeln und Wirbelsäule durchtrennte.

Fana ließ sich von Ommo die Saufeder zurückgeben, steckte den abgeschlagenen Kopf darauf und pflanzte sie im weichen Waldboden neben der Straße auf. Dann herzte sie ihren Sohn ein weiteres Mal, drückte ihn an ihre nackten, blutbespritzten Brüste und umarmte schließlich auch Ommo.

„Das hätte ich ja fast vergessen“, entschuldigte sie sich, „ohne dich und Grisnira wären wir beide verloren gewesen. Und nun zurück ins Dorf. “ Zunächst bedankte sie sich aber auch bei der Katze und auch der Kleine drückte Grisnira noch einmal kräftig.

Ächzend kletterte der Zwerg auf den langbeinigen Wallach des Toten, nachdem er Pan’tokar auf sein eigenes Pony gesetzt hatte. Fana ritt auf ihrem Pferdchen und trug die Lanze mit dem Kopf des glücklosen Wilderers. Dem mit auf den Rücken gefesselten Händen auf seinem eigenen Pferd sitzenden Schinzanger hatte sie nach bewährter Orkmanier eine Leine um den Hodensack gebunden, deren anderes Ende an ihrem Wehrgehenk befestigt war.

„So haut das Schwein garantiert nicht ab“, hatte sie zu Ommo gemeint, als sie ohne Umschweife die Hose des Verbrechers geöffnet und die Sicherheitsvorkehrung getroffen hatte. „Einen kleinen Schwanz und mickrige Eier hast du ja auch“, hatte sie zu dem Unglücklichen gemeint, „aber das ist jetzt scheißegal, denn du wirst dein Gemächte sowieso nie wieder brauchen. Außer zum Schmerzen darin haben heute abend und um dich damit vollzupissen…“

Plötzlich hatte sie dem Zitternden mit der Rückhand hart ins Gesicht geschlagen: „Pfui, du Sau! Du musst damit nicht jetzt schon anfangen…“

*

Es war bereits fast dunkel, als der Dorfhäuptling, die Ältesten und ein paar Jäger aus dem Wald zurückkehrten und zum Feuer traten. Kurz vorher war Schinzangers schreckliches Schreien und Wimmern verstummt.

Die Dorfbewohner samt Fana und Ommo fanden sich ebenfalls auf dem Dorfplatz ein und der Häuptling ergriff das Wort: „Dieser Mensch namens Norbert Schinzanger hat bei der Befragung bestätigt, was wir aus den Beweisen bereits wussten. An Ommo Drahtbarts Worten war sowieso nicht zu zweifeln, denn jeder hier kennt ihn als ehrenhaften und tapferen Zwerg. Das Messer, mit dem Zeno Übelacker Fana töten wollte, als Ommo ihn erschlug, gehörte zweifellos Bekor. Er hatte es immer bei sich und laut Fana war es nicht mehr da, als sie seinen Leichnam fand. Das ebenfalls verschwundene Amulett Bekors, haben Fana und Ommo bei Hartwig Eimer entdeckt und Bekors Tabaksbeutel haben wir vorhin bei diesem Schinzanger gefunden.“

Der alte Ork machte eine Pause und räusperte sich. Dann fuhr er fort: „Dem Gesetz der Orks vom Finsterwald ist Genüge getan: Alle drei Schuldigen sind tot. Aber es gibt da noch eine weitere Sache: Beroks Familie hat Fana verdächtigt, ihren Mann umgebracht zu haben. Abgesehen davon, dass es mir fast so aussieht, als habe Zeno Übelacker bewirken wollen, dass zwischen Bekors und Fanas Familien eine Blutfehde entstehen sollte, zeigen unsere Erkenntnisse klar und eindeutig, dass Fana unschuldig am Tode ihres Mannes ist. Er sah einen alten Ork an, der mit betretenem Gesicht in der ersten Reihe, gleich beim Feuer stand. Ich schlage vor, Norom, dass sich deine Sippe von Herzen bei Fana entschuldigt.“

Der alte Ork straffte sich und sagte mit fester Stimme: „Tur’kom, das ist selbstverständlich. Wenn wir einen Fehler machen geben wir es auch zu. Meine Tochter hat sich bereits mit Fana ausgesprochen und wir, das heißt ich sowie jedes andere Mitglied meiner Familie werden sie auch noch um Verzeihung bitten.“

Tatsächlich hatte Ommo mitbekommen, dass sich Fana und eine nicht mehr junge Orkfrau weinend in den Armen gelegen waren: „ Fana, Fana, ich schäme mich so. Wir haben dich für ein schlechtes Mädchen gehalten und jetzt hast du uns so beschämt, als du gezeigt hast, was du für eine Mutter bist. Und das Schlimmste ist, dass ich meinem lieben Bekor nicht mehr Abbitte leisten und ihm sagen kann, was er sich für eine prächtige Frau ausgesucht hat.“

Doch der Häuptling war noch nicht fertig: „Und noch eine dritte Sache ist da, etwas, das wir zu entscheiden haben.“ Er lächelte Ommo zu. „Der Zwerg Ommo Drahtbart, den jeder hier kennt und achtet, hat sich heute ganz besonders um unser Dorf verdient gemacht. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte Fanas Familie nach Lage der Dinge denken müssen, dass jemand aus dem Hause Norom sie getötet hätte. Das wäre wahrscheinlich der Beginn einer Blutfehde geworden, die unter Umständen das ganze Dorf ausgelöscht hätte. Ommo hat also nicht nur Fanas und Pan’tokars Leben gerettet, sondern vermutlich unser ganzes Dorf vor dem Untergang bewahrt.“

Tur’kom räusperte sich und kam dann zur Sache: „Langer Rede kurzer Sinn: Ich schlage vor, dass wir Ommo Drahtbart als Ehrenmitglied in unsere Dorfgemeinschaft aufnehmen. Wer ist dafür?“

Alle anwesenden Orks hoben die Hände.

„Gegenprobe: Wer ist dagegen?“

Niemand hob die Hand.

„Lieber Ommo“, der alte Orkhäuptling kam auf den Zwerg zu und nahm in die Arme. „Du gehörst nun ehrenhalber zu unserer Dorfgemeinschaft. Ich weiß zwar, dass du bei deinem Clan in eurer Burg in Grimrborg sehr glücklich bist. Aber solltest du das je wollen, kannst du dich jederzeit hier bei uns im Dorf niederlassen. Und wenn du zu Besuch hier bist, sollst du in meinem Bau wie einer meiner Söhne gelten.“

Ommo bedankte sich und der alte Ork wandte sich wieder zu den Orks aus dem Dorf, die nun jubelten und in die Hände klatschten. Einige Orks liefen zu Ommo, schüttelten ihm die Hand, schlugen ihm auf die Schulter und umarmten ihn.

Tur’kom wartete, bis sich das Dorfvolk beruhigt hatte. Dann schloss er den offiziellen Teil: „Ich weiß, ihr wisst, eigentlich ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Feiern. Noch zu frisch ist die Trauer um Bekor, noch liegt der Schatten seines Todes über uns. Trotzdem wollen wir essen und trinken, ihm zum Gedenken, Ommo und Fana zu Ehren.“

*

„Und du meinst wirklich, dass das Bekor gegenüber in Ordnung war?“ fragte Ommo. Fana kuschelte sich fester an ihn: „Aber ja doch. Schau, er sitzt jetzt sicher mit Tra’rok’nar und Irk’nari bei Met, Beerenwein und Bratfleisch am Feuer und lässt es sich gut gehen.“ Sie kicherte. „Vielleicht teilt er ja auch das Lager mit Dirat. Weißt du, die Kleine, die letzten Sommer beim Beerensammeln zwischen eine Bärin und ihr Junges gekommen ist…“

Ommo brummte etwas.

„Bei uns löst der Tod, wie bei euch auch, die Ehe. Hierwelt ist Hierwelt und Anderwelt ist Anderwelt. Ich habe Bekor sehr geliebt, so dass ich noch nicht gleich wieder heiraten werde. Aber wenn ich genug um ihn getrauert habe, werde ich wieder einen Mann finden, denn ich will doch schließlich mehr als nur ein Kind haben…“

Der kleine Pan’tokar lag in seinem Bettchen und man hörte sein niedliches Kinderschnarchen. In den kleinen Bauernhäusern in West-Norsileum, nach deren Muster Bekor sein Haus gebaut hatte, gab es nur eine Schlafkammer für die ganze Familie. Morgen wollte Fana zurück zu ihrer Familie und für heute hatte sie Ommo gebeten, als Schutz bei ihr zu bleiben. Dann hatte sie Ommo ganz selbstverständlich mit in das große Bett genommen: „Ich habe die erste Nacht in diesem Haus mit einem guten Mann verbracht und so soll es auch in der letzten sein.“

Wenn auch Orksommer war, die Tage waren in den Mond des Wisents gerückt und die Nächte wurden bereits kühl. Ommo freut sich, dass er es schön warm hatte. Nicht, das es einem Zwerg wie Ommo einer war etwas ausgemacht hätte, im Freien zu schlafen. Aber das musste ja nicht unbedingt sein.

Grisnira war zu ihnen unter die Decke geschlüpft und wärmte ihm den Rücken. Von Vorne gab Fana warm. Ommo brummelte zufrieden vor sich hin und murmelte ein kleines Dankgebet an Hljomr und Vidja. Dann mischte sich sein kräftiges Zwergenschnarchen als Bassbegleitung in das Schnarchkonzert von Mutter und Kind.

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Die allererste Geschichte von Ommo Drahtbart, „Ein Zwerg räumt auf“, gibt es jetzt als Podcast. Man kann sie sich ab sofort bei podster.de herunterladen oder gleich life auf der Seite anhören.

Vom Zwerg Ommo Drahtbart gibt es jetzt auch was auf die Ohren

Außer, dass man Ommo Drahtbart jetzt auch mitnehmen und seine Abenteuer unterwegs anhören kann, hat der Podcast noch einen zweiten Sinn: Er zeigt, was Jedermann heute so alles mit Hilfe eines PCs und eines Internetzgangs bewerkstelligen kann. Sicherlich ist mein Gitarrenspiel nicht unbedingt virtuos und auch die Tontechnik keineswegs perfekt. Dafür habe ich aber auch kein teures Tonstudio dafür gebraucht, sondern lediglich kostenlose Software.

Aufgenommen und abgemischt habe ich den Podcast nämlich mit dem kostenlosen Midi- und Mischpult-Programm Quartz Audio Master von Digital Sound Planet. Außer einer ganzen Reihe von Midispuren bietet die Software auch vier Audiospuren, welche für solche Projekte ausreichen.

Auf diese Weise kann man sich leicht auch persönliche Hörbücher herstellen, zum Beispiel zum Verschenken. Für rein private Zwecke kann man jeden beliebigen Text verwenden (und jede beliebige Musik zur Untermalung), wenn man sein Hörbuch jedoch veröffentlichen will, muss man aufpassen, dass man nicht mit dem Copyright in Konflikt gerät.

Wer einen selbst geschriebenen Text aufspricht so wie ich, hat da natürlich kein Probleme. Wer kein großer Schreiber ist, kann solche nehmen, bei denen das Copyright bereits abgelaufen ist und die man zum Beispiel beim Projekt Gutenberg findet.

„Ein Zwerg räumt auf“ als Podcast

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Heute gibt es wieder einmal eine kleine Geschichte über den kuriosen Zwerg Ommo Drahtbart. Sie blendet zurück in Ommos goldene Studententage und zwar genauer gesagt in die Zeit, die er mit seinem Kommilitonen, dem Südzwerg Gaspare Martogrosso als Gaststudent der berühmten Universität von Ferenta, der Hauptstadt von Segetia verbracht hat.

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„Das war wirklich eine gute Idee mit dem Semester in Ferenta!“ meinte Ommo zu Gaspare und sah von seinem Glas mit geeistem, perlenden Weißwein von den Hängen der Mondwaldberge auf. Gaspare lachte: „Natürlich, amico mio, bei uns lässt es sich leben.“
Ommo blinzelte in die Nachmittagssonne, welche die kleinen Wellen auf dem Fetore, so nannten die Segeter den Fetorius heutzutage, wie Myriaden von Diamanten glitzern ließ. Dabei grinste er zufrieden in seinen dunkelroten Bart hinein.
„Es freut mich, dass es Dir hier bei uns gefällt“, meinte der Südzwerg mit den pechschwarzen Haaren und dem pechschwarzen Bart und grinste ebenfalls. Dor’krom, der Ork, der an der Zwergischen Ingenieurschule von Voknabjarg ihr Professor für Philosophie war, hatte Ommo Drahtbart aus Grimrborg diesen Aufenthalt in Segetia wärmstens empfohlen. Und mit den Beziehungen des Martogrosso-Clans, zu dem sein Kommilitone Gaspare gehörte, war es auch kein Problem gewesen, für ein Semester an der berühmten Universität von Ferenta unterzukommen.

Sicherlich gab es hier weder etwas über Dampfmaschinen noch über moderne Gewehrverschlüsse zu lernen, deswegen studierte Gaspare ja sonst auch in Voknabjarg. „Aber was nutzt Euch der ganze technische Krempel,“ pflegte Dor’krom zu seinen Studenten sagen, „wenn euch der philosophische Unterbau für ein gelungenes Leben fehlt?“

Der alte Bonvivant und Abenteurer musste es ja wissen, denn er hatte schon einiges interessantes erlebt: Nach einer Jugendzeit als Söldneroffizier, Seemann und in anderen nicht ganz alltäglichen Berufen war er als Dozent an der renommierten Lehranstalt der schmucken Zwergenstadt am Rande des Finsterwaldes – vorerst – sesshaft geworden. Seine Studenten liebten ihn, denn er war nicht nur auf jeder Feier dabei, sondern brachte ihnen auch eine Philosophie näher, die mitten im Leben stand und alles andere als trocken war. Anhand von Schwänken aus seinem bewegten Vorleben und Beobachtungen im Alltag brachte er ihnen Denkmodelle und Betrachtungsweisen der alten und neuen Philosophen bei – und vor allem, in welchen Lebenslagen sie nützlich waren.

Ommo Drahtbart hatte er besonders ins Herz geschlossen; der mittelalte Ork und der junge Zwerg hatten so manche Nacht durchgezecht. Was Bildung und Gesellschaftliches anging, war Dor’krom die Autorität an der ganzen Moda und wenn er etwas empfahl, war die Sache es auch wirklich wert. So studierte Ommo jetzt mit Gaspare zusammen für ein Semester in Ferenta die großen, alten Philosophen der Klassik, hörte aber auch viel von den neuen Ideen der bedeutenden zeitgenössischen Denker, von denen nicht wenige als Professoren an der Universität tätig waren.

Aber auch was das Gestalterische anging, war hier einiges mitzunehmen. Die Technik der Segeter war zwar alles andere als auf der Höhe der Zeit, ihre Ära als bedeutendste Ingenieure der damals bekannten Welt war lange vorüber. Aber was gute Form, Eleganz und Ästhetik betraf, war hier noch immer der Nabel der Welt. Nicht, dass die segetischen Künstler besseres geschaffen hätten als die Zwerge von Dvergrvirki und aus dem Finsterwald, aber sie hatten den theoretischen Unterbau und die Systematik dazu entwickelt. Ommo hatte hier bereits vieles verstehen und begründen gelernt, was zwergische Künstler zwar schon seit undenklichen Zeiten so machten, aber eben aus dem Bauch heraus, ohne zu wissen, warum die eine Form eben schön war und die andere nicht.

Drei Mädels

Ommo setzte die schicke Brille mit den rauchigen Gläsern auf, die er sich hier zugelegt hatte. Sie war nicht geschliffen und glich keinen Sehfehler aus, sondern diente vielmehr dem Schutz der Augen vor dem oft harten, südlichen Licht und nicht zuletzt dem Aussehen ihres Trägers.
Der Zwerg ließ seinen Blick über die Uferpromenade schweifen, auf der er mit seinem Studienkameraden vor einer kleinen Taverne saß und Wein trank. Es herrschte eine Menge Betrieb, denn zu dieser Stunde hatten die Kontore und Werkstätten bereits zu, die Vorlesungen an der Universität waren vorüber und die Leute kauften dies und das ein oder flanierten ein wenig um sich den nötigen Appetit für das Abendessen zu holen.

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Es war angenehm warm. Hätte nicht die kühlende Brise von der Bucht von Ferenta den Fetore hinauf geweht, wäre es sogar drückend heiß gewesen. Die Leute auf der Promenade, wie die ganze Bevölkerung der heiteren Stadt an der Mündung des Fetore, waren ein buntes Rassengemisch: Elfen aus den Mondwaldbergen, schwarzbärtige Südzwerge mit dunkelbraunen Augen und leicht olivfarbenem Teint, hier und da auch mal ein Ork und vereinzelt Goblins, die ebenfalls dunkelhaarigen einheimischen Menschen und vor allem immer wieder auch schwarze Menschen, deren Vorfahren man aus Meridania als Sklaven hierher verschleppt hatte.

Natürlich gab es auch Männer, aber den jungen Zwerg interessierten vor allem die Frauen. Sie trugen meist kurze Tuniken, denn Prüderie war in Segetia unbekannt, Ommo vermutete, dass es dafür nicht einmal ein neusegetisches Wort gab. Die Sandalen mit den hohen Absätzen betonten besonders die langen Beine der schwarzen Frauen und die Gürtel brachten ihre wohlgeformten Hüften zur Geltung.

Ommos Onkel Hjalm, den er und sein Geschwister immer nur Hochwürden nannten weil er ein geweihter Priester des Hljomr war, hätte sicher ganz trocken gemeint, dass diese jungen Damen außerordentlich ansprechend ausgezogen seien. Es war gut, dass die dunkle Brille auf Ommos riesiger Nase einen guten Sitz hatte, denn sonst hätten seine Stielaugen sie womöglich über die Nasenspitze hinunter geschoben.

Indessen näherten sich drei junge Frauen dem Tisch der beiden Zwerge. Die eine war eine schlanke, schwarzhaarige Segeterin namens Morinia, die derzeitige Freundin von Gaspare. Die zweite, eine rotblonde, sehr junge Zwergin, war Richmodis, die kleine Schwester von Ommo. Sie hatte keine Ruhe gegeben bis sie mit durfte. Richmodis Drahtbart etwas zu verweigern wäre gewesen, als wenn man einen Erdrutsch oder ein Hochwasser hätte verbieten wollen. Sie war bei ein paar Martogrosso-Zwergen untergekommen, die in der Hauptstadt die Geschäfte des Clans besorgten. In der Studentenbude von Gaspare und Ommo hatte ein Backfisch nämlich wirklich nichts zu suchen.

Die dritte Frau kannte Ommo noch nicht. Sie war eine pechschwarze Schönheit mit unendlich langen Beinen, runden Hüften und üppigen aber festen Brüsten, deren Warzen sich deutlich unter dem dünnen Stoff ihrer kurzen Tunika abzeichneten. Gaspare stellte sie als Licoriza vor, eine Kommilitonin von Morinia.

Ommo sprang wie von der Tarantel gestochen auf und bot ihr einen Stuhl an, als sie ihn mit ihren schneeweißen Zähnen anlächelte und ihm ihre schlanke Hand reichte. Sie hatte, wie die meisten der schwarzen Frauen aus Meridania, sehr volle Lippen, eine etwas breite Stupsnase und eine Lücke zwischen den vordersten Oberkieferzähnen. Ein schneller, unauffällige Blick zeigte Ommo, dass auch diese Schwarze nur zwei Brüste hatte und nicht deren vier, wie an den Lagerfeuern im Finsterwald und in den Tavernen an der Moda oft über die Frauen aus Meridania erzählt wurde.

Ein ärgerliches Problem

„Licoriza hat ein Riesenproblem“, plapperte Morinia los, als die drei Mädels bei den zwei Zwergen Platz genommen und Gaspare mehr von dem geeisten Prickelwein bestellt hatte, der Ommo fast genau so gut schmeckte, wie das feine Zwergenbier aus der Kupferkessel-Brauerei in Grimrborg, „sie wird immensen Ärger bekommen, wenn sie es nicht schnellsten löst.“

„Na, na, immer mit der Ruhe,“ beschwichtige Gaspare und sah dann die Negerin an: „Was ist denn schief gelaufen?“

„Grande mierda,“ meinte die, „wir hatten heute morgen ein Klausur in moderner Literatur und ich habe mein magisches Lesezeichen in dem Buch vergessen, das wir dafür bekommen haben.“

„Du meinst das, was Dir Antworten auf Fragen gibt, die Du ihm stellst?“ fragte Gaspare. „Das kann doch kein so großes Problem sein, es sieht doch für uneingeweihte aus wie ein hundsnormales Buchzeichen…“

„Eben. Für Uneingeweihte, das ist der Knackpunkt,“ gab Licoriza zurück, „aber der betreffende Prof ist eben kein Uneingeweihter. Wir hören moderne Literatur bei Sal’lunar und der versteht eine ganz Menge von Magie.“

Ommo pfiff durch die Zähne. „Verstehe…“ Die beiden Zwergen hörten zwar nicht bei diesem Professor, aber in ganz Ferenta kannte fast jedes Kind und auf jeden Fall jeder an der Universität Eammon Sal’lunare den hochgewachsenen, schlanken und dunkelhaarigen Elfen aus dem Mondwald. Seinen Name, eigentlich lautete er Saltatorlunaris, also Mondtänzer, hatte er nicht aus Eitelkeit in das Altsegetische übersetzt. Im Gegenteil, Eammon war wie jeder Elf, auf seinen klangvollen elfischen Namen stolz. Nur leider konnte den niemand aussprechen oder gar richtig schreiben und das wäre einer Karriere, bei der es zu einem erheblichen Teil auf Bekanntheit ankam, nicht sehr förderlich gewesen. Also hatte er ihn ins altsegetische übersetzt und in elfischer Weise verkürzt,

„Richtig,“ spann Gaspare Ommos Gedanken weiter, „nach seinem neuesten Buch wird er ganz besonders auf der Hut sein und dabei auch scharf auf magische Gegenstände in seiner Umgebung achten. Wie man hört, ist ‚Die Drachenangst-Lüge‘ in Iserndam auf keine besonders große Gegenliebe gestoßen…“

„Was natürlich nur zeigt, dass er mit seinen Gedanken ins Schwarze getroffen hat…“ nahm Ommo das Thema auf, das sich unter aufmüpfigen Studenten großer Beliebtheit erfreute: Die Behauptung der Regierung von Iserndam, dass sie mit ihrer militärischen Präsenz in allen möglichen Staaten, diese vor drohenden Angriffen von ominösen Drachen aus dem Ehernen Gebirge beschützten und ihnen Freiheit und eine gerechte Regierungsform brächten. Sal’lunare war einer der Vordenker der Iserndam-Gegner und seine Schriften wurden in vielen Ländern verbreitet. Wo Iserndam das Sagen hatte, herrschte zwar angeblich Meinungsfreiheit, aber sehr oft verschwanden Leute spurlos, die Schriften gegen den expansiven Stadtstaat verbreitet hatten.

Eine praktikable Lösung?

„Iserndam hin, Drachenangst her,“ krähte da Richmodis, „euer Geschwätz löst Licorizas Problem nicht. Lasst euch lieber was einfallen, wenn ihr schon so schlau seid!“

„Das Lesezeichen muss irgendwie wieder raus aus dem Buch, das ich benutzt habe, sonst bekomme ich fürchterlichen Ärger,“ meinte Licoriza traurig und sah Ommo dabei tief in die Augen, so dass es ihm heiß und kalt über den Rücken lief„wenn ich Pech habe, fliege ich sogar von der Uni.“

Eine Frau – und noch dazu eine so eine attraktive – traurig zu sehen, dass konnte ein Ommo Drahtbart natürlich nicht ertragen. „Wir werden das Ding schon herbeischaffen,“ tröstete er das Mädchen und sah dann seinen Freund an: „Nicht wahr Gaspare?“

„Aber sicher doch, Ommo. Wir haben schon lange kein echtes Ding mehr gedreht. Das wird ein Heidenspaß!“ freute der schwarzhaarige Zwerg sich und wandte sich dann zu den beiden Studentinnen: „In welchem Hörsaal war die Klausur?“

Kurze Zeit darauf war ein Plan in seinen groben Zügen gefasst und die Mädchen verabschiedeten sich: „Ihr könnt mir das Lesezeichen heute abend auf das Fest am Strand mitbringen,“ meinte Licoriza und warf Ommo noch einmal einen bittenden Blick zu, „ich verlasse mich auf euch beide, ihr seid meine einzige Hoffnung…“

„Die beiden werden das Ding schon schaukeln, keine Angst,“ meinte Morinia im Fortgehen und zog die beiden anderen Mädchen mit sich, „und jetzt muss ich unbedingt noch eine schnuckelige Tunika für heute Abend finden…“

Als sie gleich danach außer Hörweite der beiden Zwerge waren, grinste Licoriza Morinia an: „Selbstverständlich schaffen die das. Und für den knuddeligen Rotkopf habe ich mir auch schon eine ganz besondere Belohnung ausgedacht, über die er bestimmt nicht enttäuscht sein wird. Sie plinkerte vielsagend mit ihren Kulleraugen, wechselte aber schnell das Thema, als ihr einfiel, dass die kleine Schwester des Kandidaten für die „ganz besondere Belohnung“ dabei war. Zum Glück war Richmodis in diesem Moment bereits von der prächtigen Auslage eines Damenschneiders abgelenkt worden, die sie mit einem Laut des Entzückens zielstrebig ansteuerte. Die beiden anderen Mädels folgten ihr und hatten kurz darauf das Lesezeichen, den Professor und die beiden Zwerge vorerst einmal vollkommen vergessen.

Abend in Ferenta

Einige Stunden später, es war bereits stark dämmerig, sah man zwei kurze, stämmig Gestalten über den Campus von Ferenta schleichen.

„Hey, da fällt mir was ein,“ meinte Gaspare und zog Ommo in den Eingang eines niedrigen, eher unansehnlichen Gebäudes. Als die beiden Zwerge wieder zum Vorschein kamen, trug jeder einen Eimer und einen Mopp.

„Du bist ein schlauer Bursche“, meinte Ommo anerkennend, „die Idee könnte von mir sein: Mit dem Hute in der Hand kommst du zwar durchs ganze Land, aber mit einem Putzeimer und einem Wischmopp unauffällig in jedes Haus.“

Die beiden prusteten vor unterdrücktem Lachen und Gaspare machte „Schscht! Wir müssen das Gelache sein lassen, sonst fallen wir doch noch jemandem auf!“

„Dass stimmt,“ gab Ommo kichernd zurück, „denn Leute mit Putzmopps und Wischeimern, äh Wischmopps und Putzeimern haben normalerweise nichts zu lachen..“

Kurz darauf langten sie vor dem Eingang des Gebäudes an, in dem sich der fragliche Hörsaal befand. Es lag in einem etwas abgelegenen jetzt, sehr dunklen Teil des Campus unter hohen Platanen. Sie drehten eine Runde um das Gebäude und sahen auf der Rückseite, dass in einem Zimmer Licht brannte.

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Gaspare stieß einen zwar leisen, aber nichtsdestotrotz ausnehmend obszönen segetischen Fluch aus und meinte dann: „Das ist, wenn ich mich nicht irre, das Arbeitszimmer von unserm hochverehrten Professor Sal’lunare. Das verkompliziert die Sache natürlich.“

Ommo zuckte mit der Schulter: Naja, da müssen wir halt besonders leise und vorsichtig sein. Gekniffen wird nicht, ein Zwerg gibt nicht auf.“

Die beiden sahen sich an und Gaspare nickte bedächtig.

„Soviel steht fest: sei er aus dem Finsterwald oder aus der Fetore-Ebene, ein Zwerg gibt nicht auf. Und gekniffen wird nicht!“ pflichtete er Ommo bei.

Zurück auf der Vorderseite erwartete sie die zweite böse Überraschung. Ommo unterdrückt nur mit Mühe einen Wutschrei als er die Türklinke herunter drückte: „Abgeschlossen! So eine verf…. , bepisste und auf kleiner Flamme gegarte, blutige Goblinscheisse!“

Jetzt war es an Gaspare, mit der Schulter zu zucken: „War doch eigentlich zu erwarten. Wenn er hier abends allein arbeitet, wäre er in seiner derzeitigen Situation wahnsinnig, wenn er die Tür offen lassen würde. Sei froh, dass er abgeschlossen hat. Wenn er es nicht getan und dafür irgendwelche magischen Fallen angebracht hätte, wäre unser Ausflug hier zu Ende gewesen und nicht nur Licoriza, sondern auch wir würden gewaltig in der Patsche sitzen.“

Das war natürlich auch Ommo klar. Er nickte langsam, sah an einer der uralten Platanen hinauf, deren Äste bis zu den Fenster des ersten Stockes reichten und meinte: „Ein Zwerg ist zwar kein Eichhörnchen aber….“

Einige Augenblicke, ein paar Hautabschürfungen, unterdrückte Flüche und Ächzer später standen die beiden auf einem breiten Fenstersimsen. Ommo holte sein Jagdmesser hervor, hebelte vorsichtig eine der Butzenscheiben aus ihrer Bleibettung, griff durch die Öffnung hinein und drehte den Fenstergriff.

Drinnen wollte Gaspare gleich weiter. Ommo hielt ihn am Ärmel zurück. Er setzte die Scheibe zurück an ihren Platz und drückte den aufgebogenen Bleirand mit dem Heft seines Messer wieder zurecht. „Von innen sieht man gar nichts und von außen guckt keiner das Fenster so genau an,“ meinte er befriedigt und steckte sein Messer weg, „es muss ja nicht unbedingt auffallen, dass jemand hier war. Und raus kommen wir auch so, denn die Tür unten geht von innen auch ohne Schlüssel auf.“

Noch ein ungebetener Gast

Vorsichtig schlichen die beiden Zwerge über den Gang in den Hörsaal, in dem die Mädchen am Vormittag die Klausur gehabt hatten. Ihre Pechsträhne schien zu Ende zu sein: die Bücher lagen noch auf den Pulten. Ommo vergaß darüber, dass ihm auf dem Gang einen Moment so gewesen war, als ob er ein sündhaft teures Parfüm gerochen hätte.

„Zum Glück sind diese Elfen so eingebildet, dass es unter der Würde des großen Eammon Sal’lunare ist, Bücher einzusammeln und zu kontrollieren,“ feixte Gaspare, „er wird es morgen seinen Gehilfen tun lassen. Unser Glück!“

„Schtscht! Dritte Reihe, fünfter Platz von der Türseite aus gesehen, hat das Schokotörtchen gesagt.“ Ommo setzte sich in Bewegung und Gaspare folgte ihm. Tatsächlich ragte ein Lesezeichen aus dem dicken Wälzer, der auf dem Pult lag. Gaspare zog es heraus, fuhr mit dem Finger darüber und murmelte etwas. Das Lesezeichen glimmte schwach auf.

„Das ist es. Jetzt nichts wie weg, aber leise,“ flüsterte der schwarzhaarige Zwerg. Gerade wollten die beiden zurück zur Tür schleichen, da zuckten sie zusammen und erstarrten. Auf dem Gang hatte es gerappelt und es war ein unterdrückter Schmerzenslaut zu hören. Offenbar hatte sich da jemand etwas empfindliches an irgendeinem vorstehenden Teil der vielen Statuen gestoßen, die den Gang säumten. Ommo dachte kurz an den Parfümhauch von gerade eben, aber der Schmerzenslaut hatte nichts weibliches an sich gehabt.

Kurz darauf bewegte sich etwas Schattenhaftes an der Tür des Hörsaals vorbei. Vorsichtig schlichen die beiden Zwerge los, durch die Tür auf den Gang und hinter der Gestalt her. Ein Stück den Gang hinunter fiel ein Lichtschein aus der nur angelehnten Tür eines Raumes, der eigentlich nur Sal’lunares Arbeitszimmer sein konnte. Und auf diese Tür bewegte die Gestalt sich zu…

In geheimer Mission

Eammon Sal’lunare stand mit dem Rücken zur Tür an dem Stehpult in seinem geräumigen Arbeitszimmer. Obschon er nicht mehr der jüngste war, stand er vollkommen aufrecht und in seinem langen, schwarzen Haar, dass ihm über die Schultern bis auf den Rücken fiel, war noch kein einziges Bisschen Grau oder gar Weiß zu sehen. Nachdenklich sah er durch den eleganten Kneifer auf seiner langen, wohlgeformten Nase und betrachtete die Schreibfeder, die er in seiner schlanken Hand hielt.

Auf einmal rumpelte es hinter ihm, er hörte einen lästerlichen Fluch, einen schrillen Schmerzensschrei und dann fiel etwas klirrend zu Boden.

Als der Elf herum fuhr, sah er einen schwarzhaarigen Zwerg, der mit der einen Hand einen benommenen Goblin am Schlafittchen und mit der anderen dessen Handgelenk umfasst hielt. Auf dem Boden lag ein langer, tödlich aussehender Dolch. Daneben stand ein rothaariger Zwerg, der sich mit zufriedener Mine die Knöchel seiner rechten Faust besah, dann zum Fenster marschierte, die Vorhangschnur abriss und dem Goblin damit die Hände auf den Rücken fesselte.

„Zu fragen, ob das hier wohl ein Freund von Euch ist, erübrigt sich wohl,“ meinte Gaspare gleichmütig.

Der Elf hatte sich schon wieder gefasst. „Euch gebührt mein tausendfältiger Dank, meine lieben Herren Unterir… äh…. Zwerge,“ meinte er mit einer Verbeugung, „dieses hässliche Etwas wollte mich ja wohl ganz offensichtlich in eine bessere Welt befördern, aber…“

Er sah die beiden Zwerge nachdenklich an: „… wenn ich Eure geschätzte Anwesenheit hier und jetzt unter den gegebenen Umständen auch als großes Glück ansehen muss, so enthebt mich dies doch nicht der Pflicht, auf der Beantwortung der Frage zu bestehen, was die Herren Zwerge um diese Zeit in dieses Gebäude im allgemeinen und vor allem im ganz speziellen hier in mein Arbeitszimmer führt…“

Ommo wurde es heiß und kalt zugleich. Gerade wollte er irgendetwas stammeln, als ihn ein unauffälliger Tritt gegen das Schienbein traf. Gaspare räusperte sich und stand stramm. „Geschätzter Herr Professor, das kann ich Euch leicht erklären, begann er und schubste den Goblin zur Seite, „wir hatten dieses Individuum in einer“ – er räusperte sich erneut und deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf den Goblin – „dienstlichen Angelegenheit, deren nähere Umstände Euch gegenüber zu erhellen, mir keinesfalls gestattet ist, zu observieren, als dieser in dieses Gebäude eindrang, ganz offensichtlich ja wohl in einer alles andere als lauteren Absicht.“

Ommo war sprachlos. Er war zwar keineswegs dumm und für einen Zwerg auch relativ eloquent, aber von einer solchen Schlagfertigkeit konnte er allerhöchstens träumen. Er beschloss, in heiklen Situationen zukünftig immer Gaspare das Reden zu überlassen.

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Der Professor blickte von dem einen Zwerg zu dem anderen und wollte zu einer Frage ansetzen. Gaspare schnitt ihm jedoch das Wort ab, bevor er überhaupt den Mund richtig aufbekam: „Ich muss Euch dringlichst ersuchen, über diese Angelegenheit das allerstrengste Stillschweigen zu bewahren. Alles andere könnte“ – Gaspare räusperte sich erneut – „die erheblichsten Unannehmlichkeiten“ – Gaspare deutete eine Verbeugung an – „für Eure höchlichst geschätzte Person haben.“

Jetzt hatte es auch dem Elfen die Sprache verschlagen. Gaspare wies mit einer leichten Kopfbewegung auf den Goblin und fuhr fort: „Dieses Individuum könnt ihr, selbstverständlich nach Ablauf einer angemessenen Zeitspanne nach unserem Fortgang, von der Wache abholen und seiner gerechten Strafe zuführen lassen.“

Er ging zu einer Kommode an der Wand, wählte eine der großen, schlanken Marmorvasen aus, die darauf standen, trat hinter den Goblin und zog ihm das Kunstwerk kräftig über den Schädel. Der Goblin sackte mit einem verklärten Lächeln und einem Seufzer in sich zusammen, Gaspare drückte dem Elf die Vase in die elegante Hand mit den langen, schlanken Fingern und meinte: „So wird es Euch ein leichtes sein, diese Situation zu erklären: Ihr habt den Goblin beim Herumschleichen in Euren Räumen ertappt, von hinten niedergeschlagen und gefesselt. Der Dolch, den er in der Hand hatte, wird seine Lage nicht verbessern. Bitte entschuldigt die Wortkargheit meines Kollegen, er ist zwar in allen Dingen der praktischen Arbeit ein erstklassiger Mitarbeiter, nur mit Worten nicht so gewandt. Geht also davon aus, dass er Euch, so wie ich auch, herzlichst noch einen angenehmen Abend wünscht.“

Peinliche Begegnung

Gaspare verbeugte sich noch einmal formvollendet und schob Ommo zur Tür hinaus. Die beiden beeilten sich, den Gang hinauf, die Treppe hinunter und nach draußen zu kommen.

„Nanu, die Tür ist gar nicht mehr abgeschlossen,“ meinte Ommo, als er die Klinke drückte.

„Der Goblin wird das Schloss geknackt haben oder er hat sogar einen Schlüssel gehabt,“ mutmaßte Gaspare, „es ist auch scheissegal, wir müssen hier weg, bevor die Wache anrückt. Denen möchte ich nämlich keine Fragen beantworten müssen.“

„Guten Abend!“ Aus dem Schatten unter den Platanen trat eine eindeutig weibliche Gestalt. Sie trug nicht die kurze Tunika, die bei den jungen Frauen derzeit in Mode war, sondern ein klassisches Gewand. Jung war sie auch nicht mehr, aber das, was Dor’krom bei dieser Art Frauen als „in erstklassigem Erhaltungszustand“ bezeichnete.

Die Falten des augenscheinlich nicht ganz billigen Gewandes umschmeichelten die etwas füllige, aber wohlgeformte Figur der selbst für eine Menschin relativ großen Frau. Lockiges rotes Haar fiel über ihre Schultern, umschmeichelte auch ihr Gesicht mit den – wie Ommo sehr gut wusste – meergrünen Augen: Cingibra Nemorivaga, die Professorin für Literatur, bei der Ommo und Gaspare ein Seminar besuchten.

„Sieh an, sieh an: Ommo Drahtbart und Gaspare Martogrosso… Eigentlich müsste ich die beiden Herren ja fragen, was sie zu dieser Zeit auf dem Campus und in einem Gebäude zu suchen haben, das sie gar nichts angeht…“

Die reife Schönheit lächelte die beiden Zwerge hintergründig an. Ein hocherotisch duftendes aber dennoch keineswegs aufdringliches Parfüm kitzelte dezent die dicken Nasen der Zwerge. Jetzt fiel auch Gaspare nichts mehr ein. Doch die bezaubernde Cingibra sprach erst einmal weiter:

„Ich wusste auch gar nicht, dass ihr beide bei der Geheimpolizei seid…“

In je einem schwarzen und einem roten Bart sah man jetzt Öffnungen erscheinen, als zwei Zwergenkiefer synchron herunter klappten. Ommo und Gaspare sahen einander betreten an und dann wieder zu der Professorin. Die zog die Stirn kraus und blickte die beiden Zwerge nachdenklich an.

„Also eigentlich müsste ich dieser Sache auf das allerstrengste nachgehen. Aber da ihr beide ja, wie es aussieht, dem guten Eammon das Leben gerettet habt, will ich für dieses Mal gar nicht wissen, was ihr beide hier zu suchen hattet. Aber lasst Euch nicht noch einmal bei so etwas erwischen.“

Ein schwarzhaariger und ein rothaariger Zwerg atmeten hörbar auf. Doch Cingibra war noch nicht fertig.

„Ommo Drahtbart!“

„Hier bei der Arbeit!“ wollte er schon gewohnheitsmäßig sagen, doch verkniff er sich das unter den gegebenen Umständen. Stattdessen meinte er vorsichtig:

„Ja….“

„Ich habe mir Eure Seminararbeit über Coleo Loramento einmal näher angesehen….“

„Ja…“

„Eine sehr schöne Arbeit! Aber ich hätte für Euch noch ein paar Ratschläge, damit diese an sich schon beachtliche Stück vollends perfekt wird“

Ommo hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen gefasst und gab sich jetzt einen Ruck. Schließlich wollte er nicht wie ein Idiot dastehen.

„Gerne, gerne.. Signora Professora!“

„Sucht mich doch bitte übermorgen auf. Am besten in meinen Privaträumen, dort sind wir ungestört. Ist es euch so etwa zu Beginn der dritten Abendstunde genehm? Ich werde ein Fläschchen Prickelwein kühl stellen und für ein paar Häppchen sorgen, dann können wir uns ganz ungezwungen unterhalten…“

Ommo schwirrte schon wieder der Kopf. Aber ein Zwerg konnte sich schließlich zusammennehmen.

„Es wird mir eine Freude sein, zu kommen, Signora Professora!“

Eine erstklassige Feier

Gaspare winkte eine der einspännigen Pferdedroschken heran, die zum typischen Straßenbild von Ferenta gehörten und wies den Kutscher an, sie zum Strand zu fahren.

„Das ist ja noch einmal gut gegangen,“ meinte er, als sie sich behaglich in die Polster zurück lehnten. „Jetzt weißt Du auch, warum die Tür nicht mehr abgeschlossen war: Die Nemorivaga hat dem alten Elfenbock einen Besuch abstatten wollen. Höchstwahrscheinlich um über klassische Literatur zu diskutieren….“

Als sich die beiden Zwerge von ihrem Lachanfall erholt hatten, meinte Ommo: „Oder sie ist uns schon vorher auf dem Campus nachgeschlichen… Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wo der Parfümduft auf dem Gang herkam.“

„Wie dem auch sei,“ meine Gaspare, „sie hat jedenfalls mitgekriegt, was in Sal’lunares Arbeitszimmer abgegangen ist. Und höchstwahrscheinlich auch, dass Du in allen Dingen der praktischen Arbeit ein erstklassiger Mitarbeiter seist, wie ich ja gesagt habe. Und deswegen hat sie dich wohl auch für übermorgen zu sich bestellt.“

Ommo grinste: „Ich wusste gar nicht, dass Menschenweiber in dieser Beziehung genau so sind wie Zwerginnen: Im Klimakterium werden sie mannstoll… „

„Apropos mannstoll,“ Gaspare griff in die Tasche, förderte Licorizas magisches Lesezeichen zutage und reichte es Ommo, „Gib du dem Schokotörtchen sein Artefakt zurück. Für die Annahme der Belohnung, die da drauf steht, würde mir Morinia den Zapfen samt Beutel und Klötzen abschneiden – und zwar mit einem stumpfen Messer.“

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Als die beiden Zwerge am Strand der Bucht von Ferenta ankamen, war die Feier schon in vollem Gange. Am Spieß dreht sich ein Hammel und der Prickelwein floss in Strömen. Ommo entdeckte Licoriza am Feuer, pfiff und winkte mit dem Lesezeichen.

„Du bist ja so ein süßes Zwergilein,“ rief sie, drückte ihn an sich und küsste ihn auf die Stirn. „Komm mit, Du musst mir erzählen, wie ihr das angestellt habt.“

„Gleich, gleich,“ bremste Ommo das schwarze Mädchen, „ich bin total verschwitzt, dass war eine heiße Sache. Ich muss erst mal ins Wasser…“

Er kletterte aus seinen Kleidern und stürzte sich in seiner riesigen, weißgepunkteten roten Unterhose in die Brandung. Als er nach ein paar Schwimmzügen und ausgiebigem Geplansche und Gepruste wieder aus dem Wasser kam, wartete Licoriza bereits mit knusperigem Hammelfleisch, weißem Brot, Oliven und dergleichen sowie zwei Pokalen voll mit dem süßen segetischen Prickelwein, der Ommo fast so gut schmeckte wie das unvergleichliche Kupferkessel-Bräu aus Grimrborg.

Licoriza bugsierte den wackeren jungen Zwerg ein wenig abseits in die Dünen. Dort ließen sie sich nieder. Kurz darauf hatte er den Kopf in ihrem Schoß liegen, während sie ihn mit Häppchen von Hammelfleisch und den anderen Sachen fütterte und er kauend den Hergang der Expedition berichtete. Den Schluss der Unterredung mit der rothaarigen Cingibra verschwieg er natürlich, walzte dafür die Vermutungen über deren Beziehung zu dem eleganten Elfen zu epischer Breite aus.

*

Ommos weißgepunktete rote Unterhose hing zum Trocknen vor dem kleinen, weißen Zelt am Strand. Am Feuer, ein Stück entfernt, saßen noch ein paar übernächtigte, aber standhafte Zecher. Die Sonne ging gerade auf, als Licoriza in dem weichen Schlafsack aus Schaffell eng an den haarigen Zwerg gekuschelt eingeschlafen war. Auch Ommo war total ausgepumpt und das will bei einem Zwerg schon etwas heißen. Er sog genüsslich den Duft seiner Bettgenossin ein, deren Liebesschweiß eine ganz besondere Note hatte, die ihn an fremde Strände und exotische Gewürze erinnerte.

Er fragte sich, wie wohl die rothaarige Professorin riechen würde, wenn der Duft ihres teuren Parfüms nach Stunden im Bett verflogen war. Übermorgen um diese Zeit würde er wohl auch das wissen, dachte er zufrieden. Er dankte Hljomr für Schutz und Führung sowie das ganze Abenteuer und ehe er zu schnarchen begann, nahm er sich noch fest vor, Dor’krom ein ganz besonderes Geschenk für den Ratschlag mit Ferenta zu machen…

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Heute gibt es wieder eine Geschichte vom Zwerg Ommo Drahtbart aus West-Norsileum auf Endom. Er lernt heute jemanden kennen, der uns wie Shir’kra aus der letzten Geschichte, noch öfter begegnen wird. Schauplatz ist vor allem die Gaststube der Wirtschaft „Zum Faulen Hund“ in Garbenschwang, einem für das Leben an der unteren Moda außerordentlich wichtigen, weithin für treffliche Küche und Keller bekannten Lokal.

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Viel los im Faulen Hund

Der Schankraum im „Faulen Hund“ zu Garbenschwang war gut besucht. Es war Markttag gewesen und nach erledigten Geschäften ließen viele den Tag mit einem Bier oder auch einem leckeren Essen in der Wirtschaft ausklingen. An einem der schweren, eichenen Tische saßen ein paar Orks aus dem Finsterwald, die sich offenbar Witze erzählten, denn sie kicherten und prusteten in einem fort wie Schulbuben. Um einem anderen hatte sich ein Haufen wohlhabende Bauern in fescher Tracht und mit silbernen Uhrketten versammelt, die lautstark die Preise für verschiedene landwirtschftliche Erzeugnisse diskutierten. Außerdem waren Jäger, Holzfäller, ein fahrender Zauberer mit einem Glasauge in einer etwas abgetragenen Robe, der eine oder andere zwielichtige Bursche von wer weiß woher sowie ein paar Marktkaufleute unterschiedlicher Rasse anwesend, neben allem sonstigen Volk, das man an Markttagen in Städten und größeren Orten anzutreffen gewohnt ist.

Am einzigen Tisch, an dem noch nicht mehrere Personen saßen, guckte Ommo Drahtbart nachdenklich in seinen Bierkrug und beschäftigte sich mit der schwerwiegenden Frage, was er zu Abend essen solle. Er war früh am Morgen von Grimrborg hergeritten, hatte sich auf dem Markt herumgetrieben und dabei auch das eine oder andere gute Geschäftchen gemacht. Jetzt war er rechtschaffen müde, freute sich auf ein gutes Essen und sein weiches Bett oben in dem freundlichen Zimmer, das er sich für die Nacht genommen hatte.

Das Problem des Zwerges war nun nicht etwa, dass es nichts gutes gegeben hätte, sondern es war genau umgekehrt: Ommo hatte die Qual der Wahl, denn im Faulen Hund war alles lecker, die Portionen reichlich und fast alles schmeckte auch Ommo. Gerade lief die dralle Kellnerin Wiltrud, die jeder nur Trudi nannte, mit einem Arm voll Bierkrügen an seinem Tisch vorbei, als er sich für gegrilltes Ochsenfleisch mit Bratkartoffeln und Salaten der Saison entschied.

Ungebetene Gesellschaft

Ommo wartete ab, bis die Kellnerin die Bierkrüge abgesetzt haben würde, um sie dann zu sich zu winken und seine Bestellung aufzugeben. Deswegen war er etwas überrascht, als er plötzlich angesprochen wurde:

„Ist hier noch frei, werter Herr?“

Ommo drehte sich bedächtig zu der Stimme hin und musterte den Fragesteller, den er noch nie gesehen hatte. Er war durchschnittlich groß und durchschnittlich breit, machte dabei aber einen drahtigen und kampferfahren Eindruck. Unter einem schwarzen, unordentlichen Haarschopf guckte ein paar stechende, graue Augen hervor, dass in einem Gesicht mit dünnen Lippen saß, das von einer offensichtlich mehrfach gebrochenen und plattgeschlagenen Nase dominiert wurde.

Begleitet wurde der reisende Ganove, denn um einen solchen handelte es sich zweifellos, von zwei kaum mehr Vertrauen als er selbst erweckenden Gestalten: Ein ziemlich großer, dicker und recht kräftig aussehender Bursche, bei dem offenbar am Hirn zugunsten der Muskeln gespart worden war, stand zu seiner Rechten. Ommo vermutete, dass in seiner Ahnenreihe, wenn der Fleischberg sie denn überhaupt kannte, sicherlich der eine oder andere Oger mitgemischt hatte.

Ein rattengesichtiges, zierliches, aber dabei keineswegs schmächtiges Individuum mit einem huschenden, unsteten Blick, stand auf der anderen Seite seines Chefs, denn das war der plattnasige ganz offensichtlich. Alle drei trugen sie die landesübliche Reisekleidung derer, die sich so etwas leisten konnten: Lederhosen, augenscheinlich sogar Hirschleder, und Wämser aus dem gleichen Material. Dazu wollene Hemden, derbe aber bequeme Lederstiefel mit Sporen und wahrscheinlich auch warme Umhänge und breitkrempige Hüte, die aber jetzt sicher an einem der Kleiderrechen beim Eingang hingen. Ihre Waffen hatten sie offensichtlich beim Stallburschen abgegeben, wie das hier an Markttagen und bei ähnlichen Gelegenheiten mit starkem Publikumsverkehr in den Tavernen und Gasthöfen Vorschrift war.

Der Zwerg hätte eine ganze Hexe samt Besen gefressen, wenn die nicht ganz billige Kleidung der drei Burschen sowie die goldenen Ringe und Ketten, die sie trugen, mit ehrlich verdientem Geld bezahlt gewesen wäre. Er kniff die Augen über seiner mächtigen, gebogenen Nase zusammen, nickte bedächtig, machte eine einladende, aber sparsame Handbewegung und widmete sich dann, verstimmt über die entgangene Gelegenheit zur Bestellung, vorerst wieder dem Studium seines Bierkruges, denn Trudi war gerade wieder in der Küche verschwunden.

Ein unerwünschtes Gespräch

Ob er wohl nicht klar genug gezeigt hatte, dass er kein Gespräch wünschte? Jedenfalls fing Plattnase tatsächlich an, sich mit ihm zu unterhalten. Eigentlich hätte der ja wissen sollen, dass Zwerge meist nicht besonders gesprächig sind, vor allem nicht gegenüber Fremden. Und das man sie besser in Ruhe lässt, wenn man nicht etwas wirklich interessantes zu sagen hat.

„War viel los auf dem Markt, was?“

„Hmmm…“

„Das Wetter hat auch gut mitgespielt…“

„Hmmm…“

„Seid ihr von weit her gekommen?“

„Hmmmpf-grrrrrmpf“

„Gute Geschäfte gemacht?“

Das war doch tatsächlich nicht zu fassen! Merkt der Kerl tatsächlich nicht, dass sein Gelaber hier fehl am Platze war?

Ommo riss sich zusammen, schließlich wollte er hier nicht ein Beispiel für das Klischee des unfreundlichen, jähzornigen und gewalttätigen Zwerges geben. Trotzdem hatte er keine Lust, sich ein Gespräch mit einem absolut unsympathischen Subjekt aufs Auge drücken zu lassen. Er rang sich mit einiger Mühe und nach dem er sich erst einmal geräuspert hatte, zu einer einigermaßen moderaten Antwort durch:

„Ich wüsste nicht, was Euch das anginge…“

Jetzt war es an Plattnase, verstimmt zu sein, jedenfalls tat er so: „ Der Herr Zwerg redet wohl nicht mit jedem?“

„Hmmm….“

Ommo guckte wieder in seinen Bierkrug obwohl sich an seiner Stirn bereits die bekannte Ader zeigte, die jedem, der Ommo kannte, ein untrügliches Zeichen dafür war, dass es jetzt erheblich gesünder war, seinen Mund zu halten und sich unauffällig zu entfernen. Leider kannte Plattnase Ommo nicht und hatte sich wohl überhaupt noch nie mit einem Zwerg unterhalten…

Und jetzt wurde der Kerl auch noch witzig:

„Stimmt es eigentlich, dass Zwerge so große Nasen haben, weil die Luft umsonst ist?“

Wenn er wohl auch noch nie mit einem Zwerg geredet hatte, die dümmlichen Sprüche über die Abneigung von Zwergen dagegen, Geld auszugeben, hatte der Ganove offenbar schon gehört. Ommo sagte jetzt gar nichts mehr, sondern guckte nur mit einem Interesse in seinen Bierkrug, als wenn dort die Lösung aller Sieben Welträtsel zu finden gewesen wäre. Sollte der Kerl doch über zwergische Nasen und zwergische Sparsamkeit lästern, Ommo wusste, dass Zwergennasen schön waren und dass es allemal besser ist, ein Goldstück extra zu verdienen als eines unnötig auszugeben. Dümmliche Menschensprüche über diese feststehenden Tatsachen fochten ihn also nicht sonderlich an.

„Man sollte froh sein, wenn überhaupt jemand mit einem redet, wenn man Mühe hat, über einen normal hohen Tisch zu gucken….“

Zwerge ärgert man nicht ungestraft

Lästereien über ihre Körpergröße hingegen vertrugen Zwerge nicht so besonders gut. Ommos Bierkrug hätte jetzt zwar um ein Haar seinen Henkel eingebüßt, aber der Zwerg zwang sich zu eiserner Ruhe. Dann hatte er sich aber wieder im Griff und er meinte treuherzig zu dem Ganoven:

„Na ja, ich glaube auch kaum, dass sich das lohnt, wenn hinter diesem Tisch einer mit so einer hässlichen und plattgeschlagenen Nase sitzt. Hat Euch…“

Weiter kam Ommo nicht. Er hatte nämlich – wie es sich für einen zwergischen Jäger gehört – mitten ins Schwarze getroffen. Plattnase war auf einmal puterrot im Gesicht, sprang auf, dass sein Stuhl nach hinten polterte und griff zu seinem Gürtel, da wo sein Schwertgriff hätte sein sollen. Da er seine Waffe aber nicht fand, denn die war ja nicht da, sondern beim Stallburschen, guckte er zunächst verdutzt nach unten.

Aber gleich darauf reagierte er, besann sich auf die neue Situation ballte seine Fäuste und riss sie hoch. Doch er hatte zu lange gebraucht, denn in diesem Moment traf ihn bereits ein eisenharter, wohl gezielter Tritt vor die Brust, der ihm die Luft aus den Lungen presste. Ommo hatte zuerst gleichzeitig den Dicken und den Rattenartigen mit je einer Hand an den Haaren gepackt, ihre Köpfe mit einem dumpfen, wenig schönen Geräusch zusammen krachen lassen und sie dann seitlich nach hinten weg geschleudert. Dabei war er einen Schritt vom Tisch zurückgewichen, hatte sich beim Zurückschleudern der beiden Adjudanten nach vorne abgestoßen, war auf den Tisch gesprungen und hatte dem Chef den besagten Tritt vor die Brust verpasst.

Dadurch taumelte dieser soweit zurück, dass Ommo Platz hatte, ihm nachzusetzen indem er vom Tisch sprang. Er beugte sich nach vorne, rammte seinem Gegnern seinen dicken Zwergenschädel in die Magengrube und richtete sich anschließend wieder auf.

Ommos Laune hatte sich schlagartig gebessert und auch seine Müdigkeit war dahin. Ein guter Kampf, selbst wenn es nur eine saftige Kneipenschlägerei war, erfreute das Herz eines jeden echten Zwerges und Ommo Drahtbart war ein echter Zwerg. Mucksmäuschenstill war es in der Kneipe jetzt, so das man deutlich das satte Klatschen hörte, mit dem die nun folgenden zwei trockenen Geraden das Gesicht des Mannes trafen und ihn nach hinten taumeln ließen. Ommo sah es zwar nicht, aber einige der Gäste verzogen bei diesem Geräusch schmerzhaft ihre Gesichter.

Jetzt trat der Zwerg ein Stück zurück und beobachtete Plattnase. Er hätte mit ein zwei, weiteren Schlägen den Kampf beenden können, aber nun wollte er seinen Spaß haben. Und außerdem sollte der Kerl eine Lektion bekommen. Man zog keinen Zwerg mit seiner Größe auf. Nein, das tat man einfach nicht,  zumal Ommo sehr wohl über einen für Menschen gemachten Tisch gucken konnte, er reichte einem durchschnittlichen Menschen immerhin fast bis an die Schulter.

Er wartete also auf den Gegenangriff des Chefganoven und achtete dabei genau darauf, ob dieser ein Messer zog, denn damit rechnete er eigentlich. Das passierte aber nicht. Der Gegenangriff kam zwar, aber nicht mehr mit allzu viel Energie. Das enttäuschte Ommo dann doch. Er hatte dem Aussehen des Ganoven nach mehr erwartet, auch wenn er sich bewusst war, dass er dem Menschen einige knallharte Treffer zugefügt hatte.

Mühelos fing Ommo die rechte Gerade mit seiner linken Pratze ab. Dann holte er seinerseits zu einer rechten Geraden aus, als er links hinter sich einen dumpfen, schweren Schlag hörte. Fast im gleichen Augenblick klatschte es rechts hinter ihm in der gleichen Art, wie er es gerade im Gesicht seines Gegners hatte klatschen lassen. Ommo vollendete den Schlag, der seinen Gegner mitten zwischen die fidelen Orks am Tisch beim Eingang fliegen ließ. Die quittierten diese Aktion mit freudigem Gejohle, lautem Gelächter und begannen Beifall zu klatschen.

Ommo drehte sich nach links, wo Trudi mit einer schweren gusseisernen Bratpfanne in der Hand stand, die sie sicherheitshalber schon wieder erhoben hatte, falls ein zweiter Schlag vonnöten sein sollte. Vor ihr stand, schwankend, mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht, der Dicke. Der Stuhl, den er Ommo hatte von hinten über den Schädel ziehen wollen, fiel ihm gerade aus der Hand und dann sackte er in sich zusammen, woraufhin Trudi mit einem grimmig-befriedigten Gesicht zuerst das gefällte Ogerbaby und dann die Bratpfanne ansah, die sie jetzt auch sinken ließ.

Ommo drehte sich weiter und sah einen riesigen jungen Mann mit langen, blonden Locken und himmelblauen Augen, der ihn freundlich und unschuldig angrinste. Er trug eine einfache Bauernhose und eine ebenso einfache Bauern-Tunika, nur waren diese Kleidungsstücke aus etwas besserem Stoff als die übliche Bauernkleidung.

An seinem ausgestreckten linken Arm hing das erschlaffte Rattengesicht, dessen Visage bereits anfing zuzuschwellen. Jetzt sah Ommo auch die abgeschlagene Flasche, mit der der finstere Bursche in offensichtlich von hinten hatte attackieren wollen.

„Das hätte ins Auge gehen können, lieber Herr Zwerg. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, dass ich mich in Eure Angelegenheit gemischt habe. Aber, mit Verlaub, ihr solltet besser darauf achten, was hinter Euch passiert, wenn ihr Euch mit mehreren Gegnern anlegt “, meinte er und sah Ommo dabei freundlich und offen ins Gesicht.

Eine angenehme Bekanntschaft

„Recht habt ihr, junger Mann, Recht habt ihr “, gab Ommo unumwunden zu. „Ja, ich habe nicht bedacht, dass mein Kätzchen heute nicht dabei ist und mir den Rücken freihält. Sie hat sich am Pfötchen weh getan, da wollt ich sie nicht den weiten Weg laufen lassen…“ Der blonde Hüne guckte jetzt etwas komisch, als wüsste er nicht recht, was der Zwerg redete.

Trudi kicherte, als die den fragenden Ausdruck in den Augen des jungen Mannes sah: „Sein ‚Kätzchen‘ besteht aus 200 Pfund stahlharten Muskeln und mit dem armen, wehen ‚Pfötchen‘ hat sie schon manchen Knochen zertrümmert und manchen Muskel zerrissen“, feixte sie, „er spricht nämlich von seiner Schneepantherin…“

„Ach so,“ meinte der Blonde, „das erklärt natürlich alles.“ Er hatte vielleicht noch keinen Schneepanther gesehen, aber dass eine 200 Pfund schwere Katze als Kampfgefährte recht nützlich sein konnte, war nicht schwer zu verstehen. Jetzt lächelte er entwaffnend und streckt dem Zwerg eine Hand hin, während er höflich das Haupt neigte, „von Garbenschwang, Sire, Lampo, oder eigentlich: Lambertus von Garbenschwang, Paladin der blauen Lilie…“ Er sah entschuldigend an sich hinunter:  „Daheim habe ich es gerne ein wenig leger, man kann ja nicht immer und überall in lauter Eisenblech verpackt umher laufen.“

Er grinste wieder, als Ommo seine Hand ergriff, herzlich schüttelte und erwiderte: „Freut mich, freut mich außerordentlich. Es ist mir eine Ehre! Ommo, äh… Odemar, mein Name, vom Clan der Drahtbärte aus Grimrborg. Ich bin Euch zu tiefstem Dank verpflichtet, ihr habt mir womöglich das Leben gerettet…“

„Nicht der Rede wert, Meister Drahtbart. Es ist die Pflicht eines Paladins und – mit Verlaub, diese Dame“, er neigte das Haupt zu Trudi hin, machte eine elegante und höfliche Handbewegung und schenkte ihr obendrein noch einen hinreißenden Augenaufschlag, „hat mindestens ebenso mutig gehandelt wie ich.“

„Aber natürlich“, meinte Ommo und boxte Trudi gegen die Schulter, die noch ganz verdattert darüber war, dass sie von dem jungen Grafen als Dame bezeichnet und behandelt worden war. „Bist einfach ein feiner Kerl, Trudi! Danke! Vielen Dank!“

„Aber das ist doch selbstverständlich,“ grinste Trudi, die sich schon wieder gefangen hatte und eine hinterhältige Miene aufsetze, „Ich werde doch nicht zulassen, dass ein böser Schuft meinem lieben Zwergilein etwas tut…“

Ommo verzog für einen Moment säuerlich das Gesicht, überging aber die Neckerei der Kellnerin, die, wie er lange schon gemerkt hatte, einen Narren an ihm gefressen hatte. „Ihr müsst Euch zu mir setzen, ich schulde Euch beiden etwas…“

„Ommo, es tut mir so Leid“, wehrte Trudi ab, „aber der Chef ist heute nicht da und der Laden wird immer voller. Ein andermal gerne…“

„Also“, meinte Ommo, „dann hast Du eben etwas gut bei mir…“

„Ich werde zuzeiten darauf zurückkommen,“ meinte sie, „du kannst mir sicherlich auch einmal gefällig sein“, meinte sie mit einem gewissen Unterton, der Ommo schon etwas ahnen ließ. „Ich muss mich jetzt aber um den Laden kümmern, was soll ich Euch bringen?“

„Ja, was möchtet Ihr, Sire“, meinte Ommo zu dem jungen Grafen, „wenigstens Ihr werdet mir doch nicht ausschlagen, heute abend mein Gast zu sein?“

„Oh, ein Paladin der Blauen Lilie sollte zwar keine Gegenleistung für seine Hilfe erwarten, aber einen wohl gemeinten Dank auszuschlagen, wäre auch gegen den Kodex“, lachte Lambertus, „und erstmal wäre jetzt ein Bier angezeigt und dazu ein kräftiger Wurzelschnaps, damit man es nicht so trocken hinunter würgen muss…“

Ommo bot dem jungen Grafen mit einer höflichen Handbewegung einen Stuhl an und Trudi rauschte davon um den beiden ihre Getränke zu holen. Indessen trat ein vierschrötigr Mann mit Helm, Kettenhemd und Schwert hinzu. Am Tisch nahm er Haltung an: „Herr Graf, Meister Drahtbart, meine Männer nehmen diese Burschen auf jeden Fall einmal mit. Es würde mich nicht wundern, wenn die auf irgendwelchen Fahndungslisten stehen würden. Bei dem mit der Flasche sollte man auf jeden Fall überlegen, ob nicht Anklage wegen versuchtem Mord zu erheben ist, anständige Kneipenschlägereien kann man noch tolerieren, aber bei gefährlichen Instrumenten hört der Spaß einfach auf.“ Er stand wieder stramm und schlug die Hacken zusammen.

„Sehr gut, sehr gut, Hauptmann Sauerbier“, meinte der junge Graf. „Ich danke Euch vielmals. Und Ihr habt ja sicher auch gesehen, dass dieser Abschaum den Meister Drahtbart tätlich angegriffen hat, er sich also lediglich verteidigt hat?“

„Aber selbstverständlich, Herr Graf!“

„Gut, dann waltet eures Amtes, Hauptmann Sauerbier! Einen schönen Abend noch.“

„Zu Befehl, Herr Graf! Und auch euch einen schönen Abend!“

Trudi brachte den beiden Bier und Wurzelschnaps. „Ich habe immer noch Hunger“, meinte der Zwerg, „Ihr habt doch sicher auch noch nicht zu Abend gegessen Herr Graf? Also, ich möchte gegrilltes Ochsenfleisch mit Bratkartoffeln und Salat, Trudi.“ Und wieder zu dem jungen Grafen gewandt: „Was möchtet ihr essen, ihr seid, wie gesagt, heute abend mein Gast.“

Gegrilltes Ochsenfleisch fand auch der junge Mann sehr lecker und so bestellte Ommo zwei Portionen so wie weiteres Bier. Beim Essen unterhielten sie sich angeregt über die die kleinen und großen Geschehnisse in und um Garbenschwang. Als sie fertig waren, bestellte Ommo wieder Bier und Wurzelschnaps. Gerade als er sein Pfeife angezündet hatte und die ersten Rauchwolken ausstieß, meinte der junge Graf verlegen lächelnd:

„Also Meister Drahtbart, es ist mir richtig unangenehm, wenn ihr mich immer ‚Herr Graf‘ und ‚ihr‘ nennt. Wenn ihr aus Garbenschwang wärt, hättet ihr mich bereits als Kind gekannt. Von den Leuten hier, die mich schon von klein auf kennen, nennt mich nur Hauptmann Sauerbier so. Und auch der nur im Zusammenhang mit dienstlichen Angelegenheiten. Ansonsten bin ich für alle nur Lampo und ‚du‘.“

Ommo Drahtbart lachte: „Aber dann lässt Du auch den Unfug mit ‚Herr Zwerg‘ und ‚Meister Drahtbart‘ …“

„Abgemacht, Ommo!“

„So soll es sein, Lampo!“

Die Bierkrüge krachten zusammen und es wurde ein sehr fröhlicher Abend. Lampo erzählte vom Orden der Blauen Lilie und den Idealen der Paladine, die schlicht darin bestanden, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen, die in Frieden leben und arbeiten wollte. Das gefiel Drahtbart denn bei aller Rauheit und Brummigkeit waren die Zwerge aus West-Norsileum doch im Grunde ein friedliches Volk und wollten in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen.

Vielleicht waren diese Ideale ein wenig naiv, aber Lambertus hatte gezeigt, dass er bereit und in der Lage war, sich gegen jeden zu stellen, der in seiner kleinen Welt das bedrohte, was er für wichtige und unumstößliche Regeln des Anstands und der Ehre ansah: Ein fairer Kampf war in Ordnung, aber von hinten und mit abgeschlagenen Flaschen, das war für einen Lambertus von Garbenschwang das hinterletzte, einfach allerunterste Schublade.

Er interessierte sich auch sehr für die Maschinenfabrik des Drahtbart-Clans. Seitdem sein Vater für das Gut eine Dampfmaschine von den Drahtbärten angeschafft hatte, war er von der zwergischen Technik fasziniert und fragte Ommo über Dampfdruck, Steuerschieber, Lager und Schmierung aus. Schließlich lud Ommo in zu einem Besuch ein, bei dem er ihm die Maschinenfabrik zeigen und ihn auf die Jagd im Finsterwald mitnehmen wollte.

Unerwartete Schonung eines zwergischen Geldbeutel

Am Schluss waren Lampo und Ommo die zwei letzten Gäste. Lampo hing mit gefährlicher Schlagseite auf seinem Stuhl. Er konnte zwar auch für einen der für ihre Trinkfestigkeit bekannten Paladin einen ganz schönen Stiefel vertragen, wie Ommo anerkennend festgestellt hatte, aber mit der Alkoholresistenz eines Zwerges hielt kein Mensch mit. Ommo war lediglich ein wenig beduselt und vor allem rechtschaffen müde.

„Na, Trudi, dann muss ich wohl mal bezahlen“, meinte er mit leisem Bedauern zu der Kellnerin. Die hatte sich, nach dem der Betrieb in der Wirtschaft vorbei war, doch noch zu einem Glas Elfenwein zu ihnen gesetzt.

„Iwo,“ meinte die Frau und lächelte den Zwerg an, „das übernimmt Hauptmann Sauerbier.“

„Ja, wieso das denn?“

„Das kannst Du ja noch nicht wissen: er hat vorhin einen seiner Männer vorbei geschickt und mir das ausrichten lassen. Sie haben die Sachen der drei Ganoven durchsucht und alles mögliche gefunden, was heute auf dem Markt weggekommen ist. Geldbörsen, Schmuck, und solche Dinge, aber auch kleinere wertvolle Waren von den Ständen. Außerdem hat er aus ihnen den Weg zu ihrem Versteck herausgeprügelt. Seine Leute sind schon losgeritten um es zu durchsuchen. Er glaubt, dass sich da einiges an Beute aus diesen mysteriösen Raubüberfällen der letzten Zeit anfinden wird.“

„Eigentlich wundert mich das nicht“, meinte Ommo schulterzuckend und insgeheim über die Schonung seiner Geldbörse erleichtert, „man sah denen ja auf eine Meile bereits an, dass das keine ehrlichen Reisenden waren.“

Dann sah er auf den mittlerweile auf seinem Stuhl schnarchenden Lampo: „Und was machen wir mit meinem neuen Kumpel? Der kann heute abend ganz sicher nicht mehr heim reiten.“

„Tja, es kommt zwar nicht sehr oft vor, aber wenn er mal zu viel erwischt hat, legen wir ihn immer in eines der Gastzimmer. Leider sind heute wegen des Marktes aber alle belegt. Ich müsste also nach dem Gut schicken, dass sie ihn mit der Kutsche holen. Aber dann wird er morgen früh gewaltigen Ärger mit seiner Mutter bekommen….“

„Das kann nicht angehen“, meinte Ommo, „das wäre ein schlechter Dank dafür, dass er mir womöglich das Leben gerettet hat…“ Er dachte kurz nach und meinte dann: „Ist doch eigentlich kein Problem! Wir packen ihn einfach in mein Bett und ich schlafe auf dem Sofa.“

Also wurde der selig vor sich hin brabbelnde Lampo die Treppe hinauf gehievt. Trudi hatte sich unter seinen rechten Arm geschoben und Ommo half von hinten nach. Schließlich hatten sie den jungen Grafen, soweit das der Schicklichkeit nach möglich war, von seiner Kleidung befreit und in das große Eichenbett gelegt, wo er augenblicklich zu schnarchen anfing.

„So,“ gähnte Ommo, „und wenn du mir jetzt noch eine Decke und ein Kissen bringst, kann ich mich auch aufs Ohr hauen.“ Das mächtige Ledersofa machte einen recht einladenden Eindruck auf den müden Zwerg.

Ein äußerst willkommenes Angebot

„Quark! Was Kissen und was Decke?“ Trudi stemmte die kräftigen Arme in ihre breiten Hüften. „Du brauchst doch nicht auf dem Sofa zu schlafen. Bei mir im Bett ist genug Platz für uns beide und ich wollte mein nettes Zwergilein schon lange einmal so richtig knuddeln, Und außerdem, „fügte sie mit einem hinterhältigen Grinsen hinzu, „hast Du selbst gesagt, dass ich bei Dir etwas gut habe.“

Das war natürlich ein Angebot, das zwerg nicht ausschlagen konnte. Als etwa anderthalb Stunden später eine erschöpfte und glückliche Trudi zusammengerollt und an den haarigen Zwerg gekuschelt eingeschlafen war, machte sich dieser wieder einmal klar, dass er ein Glückspilz war, der Hljomr nicht genug danken konnte: Kein einziges Kupferstück hatte ihn der fidele Abend im Faulen Hund gekostet. Ein richtiger, runder Abend, wie er einem jeden echten Zwerg gefallen hätte und von dem man noch lange erzählen konnte. Und zu dem allem noch brauchte er jetzt auch Trudi nicht mehr zum Essen einzuladen, denn sie hatte seine Schuld ja bereits eingefordert…

Ommo streichelte die ausladenden Rundungen der Menschenfrau, die er eigentlich schon immer hatte gut leiden können, weil sie ein so famoses Haus war und an der er in den vergangenen eineinhalb Stunden noch ganz neue Qualitäten entdeckt hatte. „Ach was soll’s, ich werde sie doch zum Essen einladen“, murmelte er in sich hinein bevor auch er anfing zu schnarchen. Und das wollte bei einem Zwerg schon etwas heißen!

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Update 02.05. 10: Diese Story gibt es jetzt auch zum Anhören

Als die schwarze Katze plötzlich ruckartig stehen blieb, zügelte Ommo Drahtbart das stämmige, struppige Pony und runzelte die Stirn über dem mächtigen Gesichtserker. Er kniff die Augen zusammen und spähte nach vorn, hin zu der Wegbiegung, die verbarg, was es im weiteren Verlauf der Straße sonst zu sehen gegeben hätte. Und es musste dort etwas los sein, denn, wie er mit einem Seitenblick feststellte, spitzte Grisnira ihre Ohren eben in diese Richtung.

Für einen kurzen Augenblick drehte der Wind und trug Laute heran, die jetzt auch Ommo vernahm. Er glaubte, das Krächzen von Goblins erkannt zu haben. Jetzt wendete die Katze ihren rabenschwarzen Kopf zu dem Zwerg auf dem Pony und sah ihn mit ihren grünen Augen an. Dieser erwiderte den Blick, nickte unmerklich und glitt aus dem Sattel.

Lautes Wetter

Der Wald stand wie überzuckert von Reif und einer dünnen Schneedecke und noch immer rieselte etwas Schnee aus dem graunebligen Nachmittagshimmel. Ommo führte sein Pony ein Stück unter die Bäume ins Unterholz und band es an einem starken Ast fest. Dann schlich er mit der Katze parallel zur Straße durch den Wald in Richtung der Biegung. Das war schwierig genug, denn es herrschte, was Ommo und die anderen Jäger „lautes Wetter“ nannten: Laub und abgestorbene Reiser auf dem Boden waren gefroren und knackten, Zweige knisterten, wenn man daran vorbei streifte, Schnee und Reif rieselten herunter.

Trotzdem bewegte sich die Katze geräuschlos durch den dichten Bewuchs und Ommo tat es ihr nach so gut er konnte. Jeder der zwar schon Zwerge, aber noch nie einen zwergischen Jäger auf der Jagd gesehen hatte, wäre erstaunt gewesen,wie leise die sonst lautstark trampelnden und grummelnden Burschen sich bewegen konnten, wenn es sein musste. Trotzdem kamen sie nur langsam voran, denn selbst der geschickteste Zwergenjäger kann nicht so schleichen, wie ein Elf und schon gar nicht so wie eine Katze.

Endlich war ein Punkt erreicht, von dem aus Ommo den Bereich hinter der Straßenbiegung einsehen konnte: Ein mächtiger Baum war quer über die Straße gefallen und versperrte einem großen Wohnwagen den Weg, vor den zwei Maultiere gespannt waren. Auf der Ommo zugewandten Seite des Gespanns bedrohten zwei Goblins ein Orkmädchen. Der eine hatte ein rostiges Schwert, der andere eine kurze Lanze, die wohl auch schon bessere Tage gesehen hatte.

Ommo verkniff es sich, durch die Zähne zu pfeifen. Er taxierte die Lage und machte sich schnell einen Plan. Die beiden Goblins waren schon so gut wie tot. Ommo strich sein Gewehr an einem Baum an, sah zu Grisnira und nickte mit dem Kopf in Richtung desjenigen der beiden Goblins, der von ihnen aus gesehen rechts stand. In den klaren, grünen Katzenaugen las er, dass sie ganz genau verstanden hatte, was ihr bester Freund von ihr wollte.

Pech!

Ommo visierte sorgfältig den Kopf des linken der zwei Goblins an. Beide hatten, obwohl sie es nicht wussten, nur noch Sekunden zu leben. Auf ein leises „Pack ihn!“ von Ommo würde die Katze ihren Gegner, nein, ihr Opfer mit wenigen, lautlosen Sprüngen erreichen und ihn mit einem Genickbiss blitzschnell töten, während eine Kugel aus Ommos Büchse den Schädel des anderen Goblin platzen ließe…

So plante es Ommo. Doch dann konnte er nur mühsam einen seiner ausgesucht obszönen, ellenlangen zwergischen Flüche unterdrücken. Um den Wagen herum war ein weiterer Goblin aufgetaucht, dann noch einer und noch einer. Das war Ommo zu riskant…

Nicht dass Ommo nur einen Moment den leisesten Zweifel gehabt hätte, dass Grisnira und er mit fünf verkommenen, stinkenden Goblins fertig geworden wären. Das war kein Thema. Aber die beiden konnten eben nur zwei Gegner gleichzeitig ausschalten und die restlichen, absolut unberechenbaren Goblins hätten das Orkmädchen töten oder als Geisel nehmen können.

Also setzte Ommo die Waffe ab und Grisnira entspannte sich. Sie zogen sich lautlos ein Stück tiefer in den Wald zurück, so das sie noch weiter beobachten konnten, ohne zu riskieren entdeckt zu werden. Der Jäger verstand soviel von der üblen, krächzenden Goblinsprache, dass er mitbekam um was es ging: der Wagen des Orkmädchens enthielt so viel und so schwere wertvolle Ware, dass sie ihn im ganzen mitnehmen mussten, da sie sonst ihre Beute nicht hätten abtransportieren können. Außerdem wollten sie das Mädchen als Sklavin verkaufen, es bestand also keine direkte Lebensgefahr für sie.

Abwarten und Bier trinken

Wie es aussah, sollt es dabei in die Richtung gehen, in die sowohl Ommo, als auch das Orkmädchen unterwegs gewesen waren´ denn die Goblins machten sich mit viel Gezeter widerwillig daran, den Baum fort zu räumen. Jetzt wusste Ommo genug. Vorsichtig schlichen er und seine Katze außer Hörweite und kehrten dann zügig zum Pony zurück.

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Auf der Straße näherte sich Ommo nun der Biegung wieder soweit, dass er einigermaßen deutlich hören konnte, was dahinter vorging. Dann schlug er sich erneut in den Wald und fand auf einer kleinen Lichtung im Unterholz auch gleich einem geeigneten Platz zum Warten.

Nachdem er das Pony wieder angebunden und ihm den Futtersack umgehängt hatte, warf er ein Bärenfell auf den Boden. Aus den geräumigen Satteltaschen kramte er seinen Schnappsack. Ganz innen in der Satteltasche, direkt am Körper des Pferdes hatte er auch einige Flaschen Zwergenbier verstaut, wo sie die Körperwärme des Tieres davor bewahrte, einzufrieren.

Anschließend machte er es sich auf dem Bärenfell bequem, zückte sein Messer und entnahm dem Sack hartgeräucherte zwergische Wurst, Speck, scharfen Zwergenkäse und knusperiges Brot. Dazu trank er Bier und vergaß auch nicht, Grisnira, die sich behaglich an ihn geschmiegt hatte den einen oder anderen Brocken zukommen zu lassen.

Anschließend rülpste er unterdrückt, nestelte Pfeife und Tabaksbeutel hervor und begann zu rauchen. Als die Pfeife fast ausgebrannt war, hörte er, dass die Goblins das Hindernis wohl aus dem Weg geräumt hatten und sich mit viel Gezeter in Marsch setzten. Um sie zunächst einmal außer Sichtweite gelangen zu lassen, rauchte er fertig, klopfte sein Pfeife aus und packte sich in aller Ruhe zusammen.

Es geht weiter…

Kurz darauf tauchte das Dreigespann wieder auf der Straße auf, Ommo bestieg sein Pony und sie nahmen die Verfolgung auf. Hinter der Straßenbiegung begannen auch tatsächlich die Wagenspuren und die Goblins waren bereits außer Sicht. Auch ohne die Spuren, die sich in der dünnen Schneedecke abzeichneten, wäre die Verfolgung kein Problem gewesen: Zwar war Grisniras Katzennase lange nicht so fein wie die eines Hundes oder Wolfes, doch für die Verfolgung einer frischen Fährte reichte sie allemal aus. Zumal, wenn es sich um Goblins handelte, die so ekelhaft stanken, dass Ommo fast meinte, selbst er könne den Geruch noch wahrnehmen.

Noch einmal hatte Ommo kurz gewartet, um den Vorsprung der Goblins größer werden zu lassen, denn wie er wusste, war das letzte Stück der Straße vor dem Waldrand schnurgerade und er wollte außer Sicht bleiben. Es war nun schon fast dunkel und der Waldrand lag bereits ein gutes Stück hinter ihnen, als die Spur in einen Feldweg abbog.

Ommo glitt aus dem Sattel und schlich, das Pony am Zügel führend, den Weg entlang, Grisnira immer an seiner Seite. Es ging eine sanfte Bodenwelle hinauf und kurz vor der Kuppe ließ der Zwerg das Pony stehen und schlich mit der Katze weiter bis er über die Kante spähen konnte.

„Dachte ich es mir doch“, brummte er halb zu sich selbst, halb zur Katze, „natürlich stecken sie in Frelsings Baude“. Vor dem verlassenen Bauernhaus stand der Wagen des Orkmädchens und das eine Fenster, dass er von seinem Standpunkt aus sehen konnte, leuchtete rötlich. Nicht einmal die Maultiere hatte das verkommene Gezücht ausgespannt. Ommo schlich zu seinem Pony zurück, führte es zu einem Gebüsch etwas abseits des Weges und versteckte es so gut es ging. Dann löste er seine Axt vom Sattel. Das Gewehr ließ er an seinem Platz und nahm stattdessen die stabile, uralte Zwergenarmbrust mit, die schon Generationen von Drahtbärten hervorragende Dienste geleistet hatte. Diesmal würde es auf leises Töten ankommen, da war die Armbrust, so antiquiert die Technik auch war, ganz einfach die allererste Wahl.

Ommo und Grisnira umschlugen das Gehöft in einem großen Bogen und näherten sich ihm gegen den schneidenden Wind von Westen her. Auf dieser Seite des Gebäudes befand sich ein dichter Gehölzstreifen, der das Gehöft gegen den Wetterwinkel hin schützen sollte Durch diesen näherten sich ihm jetzt der Zwerg und seine Katze.

Aus dem Gehölz heraus konnte Ommo den Hof südlich des Gebäudes überblicken. Dort standen zwei Goblins herum, offenbar auf Wache. Die Armbrust war bereits gespannt. Zum zweiten Mal an diesem Tage machte der Zwerg eine Kopfbewegung in Richtung des einen Goblins und wieder signalisiert ihm die Katze mit ihren Augen, dass sie verstanden hatte.

Und diesmal passte es: Der eine Goblin wurde von 200 Pfund stahlharten Katzenmuskeln umgeworfen; sein Genick war durchgebissen ehe er noch auf dem Boden aufschlug. Gleichzeitig machte es „Twäng“, ein kurzes Sirren ertönte und dann gab es ein dumpfes, matschiges Geräusch, als der stählern Bolzen der Armbrust Schädelknochen und Gehirn des anderen Goblins durchschlug. Auch er fiel zu Boden, ohne auch nur noch einen Laut von sich zu geben.

Die Katze war schon wieder zum grimmig grinsenden Zwerg zurückgekehrt, der sie zwischen den Ohren kraulte, sich hin hockte, sie an sich drückte und ihr Freundlichkeiten zuflüsterte, die niemand einem Zwerg – und insbesondere nicht Ommo Drahtbart – zugetraut hätte. Zwerg und Katze schlichen jetzt zum Fenster und der Zwerg spähte hinein. Im Kamin der Baude prasselte ein Feuer, die drei übrigen Goblins saßen am Tisch und zechten, während das Orkmädchen auf einen Stuhl gefesselt war.

Ein kleines, aber tödliches Geschäft

Als die beiden wieder zum Gebüsch zurückgekehrt waren, war auch Ommos weiterer Plan fertig: „Kein Risiko. Irgendwann muss einer von den dreien pissen. Und garantiert wird die Drecksau nicht den Abort auf der Rückseite aussuchen, sondern sein Geschäft mitten auf dem Hof machen,“ murmelte Ommo, worauf ihn die Katze in einer Weise ansah, dass er wieder einmal geschworen hätte, dass sie jedes einzelne seiner Worte verstehen konnte. Böse Zungen behaupteten später übrigens, dass Ommo mit seiner Einschätzung der Uriniergwohnheiten seiner Gegner lediglich von sich auf diese geschlossen hätte.

Ommo spannte seine Armbrust wieder. Er wartete, während sich die Katze vertraulich an seinen Oberschenkel drückte. Ob er nun von sich auf andere geschlossen hatte oder auch nicht, er lag jedenfalls richtig. Es dauerte nämlich nicht lange, da torkelte ein Goblin aus der Tür. Der Idiot war tatsächlich so besoffen, dass ihm das Fehlen der zwei Wachen erst gar nicht auffiel. Ommo wartete noch ein wenig, bis er das Plätschern eines kräftigen Urinstrahls hörte und drückte dann ab.

Auch dieser Goblin fiel praktisch geräuschlos um und war tot bevor er, noch mit seinem Schwengel – oder was immer Goblins anstelle eines solchen haben mochten – in der Hand auf dem Boden aufschlug. Wiederum grinste der Zwerg grimmig in den dichten, roten Bart unter seiner mächtigen Nase hinein.

Zugriff!

Aber jetzt ging es um die Wurst; wenn er zögerte, könnte den verbleibenden Goblins das Ausbleiben ihres Kameraden auffallen. Er lehnte die Armbrust an einen Baum und griff zur Axt. So schnell er konnte, schlich er zur Tür, die nur angelehnt war, die Katze immer an seiner Seite. Drinnen hörte er die zwei verbliebenen Goblins krächzen. Dann ging alles sehr schnell. Ommo stieß die Tür auf und stürmte in die Stube und auf den rechten der beiden Burschen zu. Die Katze machte einen Satz quer durch den Raum, so dass sie zwischen dem Orkmädchen und dem linken Goblin landete, drehte sich blitzschnell um, sprang ihn an und zerfetzte seine Kehle.

Währenddessen schaffte es der rechte Goblin – vielleicht war er ja nicht gar so betrunken – noch, aufzuspringen und mit der Hand zum Schwertgriff zu fahren. Doch während noch sein Stuhl nach hinten polterte, fuhr auch schon die zweihändige Zwergenaxt auf ihn nieder, spaltete seinen hässlichen Schädel in der Mitte und fuhr bis tief in den Brustkorb.

Ommo stemmte einen Fuß gegen die Goblinleiche und zerrte sein Axt heraus.Dann sah er nach links und stellte fest, dass der andere Goblin ebenfalls gefallen war. Doch was er sah, als sein Blick zu der jungen Orkfrau auf dem Stuhl wanderte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren, obwohl er es draußen kurz zuvor noch einmal mit einem herzhaften Schluck guten Orkschnapses aus seinem Flachmann aufgewärmt hatte.

Hinter dem Mädchen stand ein weiterer Goblin, hatte ihren Kopf an den Haaren zurückgezogen und hielt ihr ein rostfleckiges, aber zweifellos ausreichend scharfes Messer an die Kehle. Triumphierend und herausfordernd grinste er Ommo an, der jetzt auch begriff, was hier los gewesen war: schräg hinter dem Stuhl mit dem Orkmädchen befand sich auf dem Boden ein Lager aus fauligem Stroh und unsäglich dreckigen Lumpen, genau unter dem Fenster, durch das Ommo in die Stube gespäht hatte. Dort musste der sechste Goblin gelegen haben, so dass Ommo ihn nicht sehen konnte. Und offenbar hatte dieser – oder auch ein anderer der Goblins – die Stellung im Schlupfwinkel gehalten, während die anderen fünf auf Raubzug waren.

Ein Zwerg verhandelt

Ärger, Wut und maßloses Enttäuschung machten sich in Ommo breit. Da überlegte zwerg sich einen astreinen Plan, führte ihn präzise aus und – hatte dann genau die Situation, die von Anfang an vermieden werden sollte. Fünf Goblins draußen im Wald, fünf in der Stube – wer sollte, bei Hljomr, da ahnen, dass sich noch ein sechster so idiotisch unter dem Fenster herumfläzte, dass er von draußen nicht zu sehen war?

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Aber Ommo Drahtbart wäre nicht Ommo Drahtbart gewesen, wenn er sich nicht in Sekundenschnelle wieder im Griff gehabt hätte. Er setze erst ein breites Grinsen auf, lachte dann anerkennend und sagte zu dem Goblin:

„Na Kamerad, da habt ihr euch aber wacker geschlagen! Wie es aussieht, werden wir beide das Geschäft nun gemeinsam machen müssen…“

„Wass firr Gäschäfft?“ krächzte der Goblin.

„Na, dass mit dem Lösegeld, mein Freund! Wisst ihr nicht, dass dies die Tochter eines reichen Orkhäuptlings ist, der jede Summe bezahlen wird, um sie heil zurück zu bekommen? Ich habe sie schon im Wald verfolgt, aber ihr seid mir dort zuvor gekommen…“

„Lösegälld? Wie meinen Härr Zwärrg?….“

„Ja, mein Verehrter! Ich gedachte, euch dieses Mädchen abzunehmen, aber offensichtlich wart ihr geschickter als ich…“

Ommo neigte den Kopf in höflicher Anerkennung zu dem Goblin hin, vermied es aber tunlichst in die entsetzt aufgerissenen Augen des Orkmädchens zu sehen.

„Wirr als Sklavin verkaufen wollen, äh… äh… ich nix märr saggen, dass Trick von Herr Zwärrg!“

„Nein, nein, kein Trick….“

„Schluss jätzt, ihr main Kammeradden tötten. Ich nix trauen Härr Zwärrg! Ich jätzt nämmän Mäddchän, gähän hirr raus und Härr Zwärrg machän nix Bäwägunk sonst Mäddchänn krrrrrk.“

„Dann solltet ihr aber gut aufpassen, mein Freund….“ meinte Ommo, wies mit einer leichten Kopfbewegung hinter den Goblin und blickte auch in die gleiche Richtung.

„Hrrrch, hrrch,“ lachte der Goblin „dass altte Trick. Zwärrgge immär däncken, Goblins blödd….“

Der Goblin schüttelte sich vor Lachen, dabei musste er das Messer ein Stück von der Kehle des Orkmädchens entfernen. Auf einmal hörte er auf zu lachen und sein Augen weiteten sich in plötzlichem Verstehen und Entsetzen. Doch ihm war zu spät eingefallen, was er die ganze Zeit nicht beachtet hatte. Im nächsten Augenblick schlossen sich zwei gewaltige Kiefer um seinen Hals, dolchspitze Fangzähne drangen in sein Genick und mit einem hässlichen Knirschen wurden die Halswirbel zermalmt.

Das Messer fiel zu Boden und der Körper des Goblin sackt in sich zusammen. Stolz wie ein Spanier kam Grisnira auf ihren besten Freund zu und wieder einmal hätte Ommo schwören können, dass ihn die Katze angrinste.

Puh!

Aber darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Aschfahl sackte er auf eine der herumstehenden Stühle, zog ein blaugeblümtes Taschentuch hervor und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

„Das… Das war knapp! Grisnira, wenn ich Dich nicht hätte. Hljomr, sei Dank, nein, noch mehr Dank sei Vidja, die dich mir geschenkt hat…“ Er tätschelte die Katze, die artig Köpfchen gab und zufrieden schnurrte. Dann erhob er sich und befreite das Orkmädchen von ihren Fesseln.

„Und ihr wollt mich wirklich nicht verkaufen, Herr Zwerg?“ fragte sie.

Ommo hatte sich mittlerweile wieder gefasst und polterte: „So ein Blödsinn! Hätte ich dich dann losgebunden? Und seit wann handeln zwergische Jäger mit Orkmädchen? Ich musste doch etwas reden um diesen ekelhaften Scheisshaufen da solange hinzuhalten, bis er Grisnira eine Gelegenheit bot…“

Das überzeugte das Orkmädchen: „Na dann vielen lieben Dank, lieber Herr Zwerg! Wie kann ich Euch das je danken?“

„Am besten, indem Du mich nicht ‚ihr‘ und ‚Herr Zwerg‘ nennst! Ich heiße nämlich Ommo und man kann auch ‚du‘ zu mir sagen, wenn es pressiert. Und das ist Grisnira, meine beste Freundin.“

„Na, also dann: lieber Ommo…“ Sie war nicht besonders groß, aber kräftig und recht muskulös wie die meisten Orkfrauen. Immerhin war sie aber so groß, dass sie dem Zwerg einen dicken Kuss auf die Stirn geben konnte als sie ihn in die Arme nahm.

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Dann stutzte sie: „Ommo? Ommo Drahtbart etwa? Ich glaube ich kenne Dich! Bist Du aus Grimrborg und hast vor ein paar Jahren mal Geschäfte mit meinem Vater gemacht? Mit Grek’narr aus Laubschatten…“

„Ja sicher, genau der bin ich! Und ich erinnere mich auch an ein freches, kleines Orkmädchen…. Aber Deinen Namen habe ich vergessen…“

Das Orkmädchen, das gerade die Katze streichelte und kraulte, was diese sich gerne gefallen ließ, zog einen Schmollmund: „So? Du hast also die nette, kleine Shir’kra vergessen!“

„Aber nein, wo werde ich! Nur deinen Namen…Und ich weiß noch genau wie kitzlig Du bist – und auch wo!“ Er kitzelte sie am Brustkorb unter den Armen, was sie sich lachend gefallen ließ, obwohl er dabei ihre festen, vollen Brüste berührte. Dann hielt er sie auf Armeslänge von sich und sah sie an: „Du bist ja eine stramme junge Frau geworden, muss ich sagen!“

Shir’kra lachte und gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn. „Na sowas! Wer hätte das gedacht, dass aus Mädchen Frauen werden… Aber wir sollten jetzt sehen, dass wir verschwinden. Ich glaube zwar eher weniger, dass diese Goblins noch Komplizen in der Nähe haben, aber man kann ja nie wissen. Und außerdem riecht es hier grauenhaft!“

Sie suchten also Shirk’ras Dinge zusammen, soweit die Goblins sie in die Baude geschleppt hatten. Das war allerdings nicht viel, lediglich einige Schnapsflaschen und ihre Waffen, die Ladung hatten sie im Wagen gelassen. „Es fehlt offenbar so gut wie nichts, nur die ausgesoffenen Schnapsflaschen und etwas Proviant“ freute sich Shir’kra.

„Na dann ist ja alles in Ordnung,“ brummte Ommo zufrieden, „und ich dachte schon, alles ist aus, als auf einmal der sechste Goblin da war.“

„Es ist ja doch gut gegangen. Und jetzt komm zu mir auf den Wagen“, meinte Shir’kra, „dein Pony wird es Dir danken,wenn es einmal nicht zu tragen braucht und außerdem ist es behaglich auf dem Kutschbock, ich hab genug Felle dabei…“

Schließlich rumpelten der Zwerg und das Orkmädchen mit dem Wagen los. Grisnira lag im Fußraum auf einem Fell vor der Spritzwand des Kutschersitzes und wärmte ihnen die Füße. Sie hatten sich warm in Felle eingehüllt und Shir’kra kuschelt sich schläfrig und zutraulich an den Zwerg. Es war ein gutes Gefühl, ihren strammen, warmen Körper zu spüren, auch für einen Zwerg. Es ist nämlich überhaupt nicht wahr, dass Zwerge aus Stein sind und gerade für Ommo Drahtbart galt das besonders.

Später…

Nach einem guten Abendessen im Durchgegangen Gaul zu Halberweg entschied Shir’kra, dass Ommo kein Geld für die Übernachtung im Gasthaus auszugeben brauche, sondern bei ihr im Wagen schlafen könne. Mit gemischten Gefühlen willigte der Zwerg ein. Nicht das Ommo Angst oder Abscheu vor weiblichen Wesen gehabt hätte. Er war ihnen gegenüber nicht einmal gleichgültig, wie das bei nicht wenigen Zwergen der Fall war. Aber es war ihm doch ein wenig unheimlich, wie dieses Orkmädchen ihn in aller Unschuld abschleppte.

Shir’kras Wagen war ein typischer Händlerwagen, wie er in diesem Teil von Endom üblich war. Im vorderen Teil nahm ein Bett die ganze Breite des Wagens ein, das nach Art der Waldorks mit Unmengen von Fellen ausgestattet war. Ommo wurde zunehmend unruhiger, als er merkte, dass es im Wagen ansonsten keine Schlafgelegenheit gab.

Shir’kra zog sich ohne Umstände vollständig aus und schlüpfte splitternackt zwischen die Felle. Ommo bekam so etwas ähnliches wie einen roten Kopf und meinte: „Hmmm, hier auf dem Boden werde ich es mir mit meinen Pelzen und meinem Schlafsack bequem machen….“

„Rede keinen Unsinn und komm zu mir,“ schmollte Shri’kra.

„Also, äh… Nun, ja… Du brauchst dich nicht verpflichtet zu fühlen, weil ich dich vor den Goblin gerettet habe…“

„Das hat doch damit überhaupt nichts zu tun!“

„Äh, hmmmm, eigentlich wollte ich auch derzeit nicht unbedingt heiraten….“

„Wer redet denn von heiraten?“

„Nun, eigentlich wollte ich auch keine feste Beziehung eingehen…“

„Also, Herr Zwerg, jetzt hör mir mal gut zu!“ Shir’kra hatte sich im Bett aufgesetzt und zeigte mit ihrem Finger auf Ommo. Ihre olivgrüne Haut schimmerte samtig. „Ich will noch lange nicht heiraten. Wir beide verstehen uns offenbar sehr gut und ich glaube auch, dass wir dicke Freunde werden. Es ist sehr kalt und zu zweit ist es ganz einfach wärmer im Bett. Dabei die Kleider anzubehalten wäre ausgemachter Blödsinn, weil es sehr unbequem ist. Und warum soll man nicht ein wenig Spaß haben, wenn man nackend miteinander im Bett liegt und sich gut versteht? Wo ist da das Problem?“ Dabei blitzten ihre schneeweißen Fangzähne und die Spitzen ihrer Ohren vibrierten vor Empörung, so dass die vielen goldenen Ring darin zitterten.

Gegen diese Dialektik konnte Ommo nicht an. „Ich sehe schon, Du bist nicht nur eine hübsche und knackige, junge Orkfrau, sonder auch noch eine recht gescheite. Was soll ein einfacher Zwerg da noch sagen,“ lachte er, während er sich auszog.

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Shir’kra streifte das weißgetupfte, rote Ungetüm, dass Ommos Unterhose darstellte, mit einem amüsierten Blick, was dieser aber gar nicht wahrnahm. Nachdem seine moralischen Bedenken zerstreut waren, hatte er es nämlich recht eilig, zu der grünen Frau ins Bett zu kommen, die ihn auch gleich in ihre kräftigen Arme zog.

„Hui, das kitzelt! Sind alle Zwerge so haarig?“ kicherte Shir’kra. Ommo war, wie alle Zwerge, in der Tat stark behaart. Nicht nur auf seinen Unterarmen, Beinen, seinem Bauch und seiner Brust, sondern auch auf seinen Oberarmen, seinen Schultern und einem Teil seines Rückens wuchs dichtes, lockiges, dunkelrotes Haar.

„Hach und deine Muskeln,“ gurrte sie. „Deine Arme sind ja so dick wie meine Oberschenkel…. Und wie hart sie sind, deine Muskeln. Und nicht nicht nur die Muskeln, meine Fresse…“

Grisnira hatte sich unauffällig entfernt und lag auf Ommos Pelzen am Boden des Wagens. Den Kopf hatte sie diskret in die andere Richtung gedreht und dachte sich ihr Teil. Schließlich erlebte sie so etwas nicht zum ersten mal, denn ihr bester Freund war alles andere als ein Kind von Traurigkeiten.

Als es nach einer längeren Zeit ruhig geworden war, stand sie auf, streckte sich und hüpfte graziös auf das Bett. Ommo lag mit Shir’kra in der Löffelchenstellung und zwar so, dass diese vorne lag. Das schwarze Tier drängelte sich ungeniert hinter Ommo, der daraufhin die Felle hob, so dass sie ganz nahe zu ihm schlüpfen konnte. Sie schnurrte wohlig, klappte ihre wunderschönen grünen Augen zu und war auch schon eingeschlafen. Es war ein ereignisreicher Tag gewesen und auch Schneepanther brauchten, wie alle Katzen, ihren Schlaf….

„Ach, das war so schön, mein lieber Herr Zwerg,“ meinte die Orkfrau. „Endlich mal ein richtiger Mann, der arbeitet und nicht nur spielt.“

„Das Fräulein Ork scheint sich ja richtig aus zu kennen,“ stichelte Ommo.

„Nein. Eben nicht. Ich hatte bisher zwei Jungs, bei uns aus der Gegend, aber eben Jungs. Es war sehr schön, sie waren beide sehr lieb und auch irsinnig in mich verknallt und ich auch in sie. Nacheinander versteht sich. Ich möchte diese Erlebnisse nicht missen. Aber mit dir war das nochmal eine ganz andere Qualität – oder wie man da sagen soll… Und überhaupt: Ich war auf jeden Fall nicht die erste Orkin mit der Du es getrieben hast. Das habe ich genau gemerkt, weil du genau weißt, wo und wie du bei uns hinfassen musst.“

„Habe ich doch auch nicht behauptet,“ schmunzelte Ommo und knabberte an ihrem Ohrläppchen. „Weißt du, der Finsterwald ist so groß und da kann sich ein kleines Zwerglein schon einmal einsam fühlen, wenn es ganz allein auf der Jagd ist. Und wenn es sich dann in der finsteren Nacht an ein nettes Orkfrauchen kuscheln kann – wer würde da nein sagen?“

Ommo grinste in sich hinein. Zwergensex war eben Zwergensex. Viele Zwerge zeichneten sich durch sexuelles Desinteresse aus, weil sie nur ihre Arbeit im Kopf hatten. Aber es gab auch andere, solche wie Ommo. Und die fanden die Frauen aller Rassen zuerst süß und knuddelig, weil sie sie schön kurz und dick und knuffig waren. Und so herrlich haarig und bärig-brummig. Wehe aber, eine Frau nahm solch einen netten Kerl mal in den Arm und kam ihm so nahe, das sie seine Pheromone roch. Dann war es um sie geschehen und sie erfuhr, dass an Zwergen alles kurz und dick und nicht nur die Muskeln hart waren. Und das Zwerge alle Arbeiten zwar langsam und bedächtig, aber gründlich, mit Sorgfalt, Ausdauer und sehr viel Liebe zum Detail verrichteten…

Von hinten gab die Katze warm, von vorne das Orkmädchen. Nicht dass es einem Zwerg etwas ausgemacht hätte, in der bittersten Kälte draußen zu schlafen. Schon gar nicht einem knallharten Jäger vom Kaliber eines Ommo Drahtbart. Aber wenn zwerg es fein gemütlich und kuschelig warm haben konnte, warum sollte „ein kleines Zwerglein“ da nicht dankbar sein?

Shir’kra kuschelte sich noch fester an ihn und kurz darauf merkte er an ihrem gleichmäßigen Atem, dass sie eingeschlafen war. Er seufzte wohlig, dankte Hljomr, das er auf der Welt und ein Zwerg war sowie Vidja, dass er ein Jäger sein durfte. Und dann fing er nach bester Zwergenart an zu schnarchen…

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