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Posts Tagged ‘Schlägerei’


Heute gibt es wieder eine Geschichte vom Zwerg Ommo Drahtbart aus West-Norsileum auf Endom. Er lernt heute jemanden kennen, der uns wie Shir’kra aus der letzten Geschichte, noch öfter begegnen wird. Schauplatz ist vor allem die Gaststube der Wirtschaft „Zum Faulen Hund“ in Garbenschwang, einem für das Leben an der unteren Moda außerordentlich wichtigen, weithin für treffliche Küche und Keller bekannten Lokal.

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Viel los im Faulen Hund

Der Schankraum im „Faulen Hund“ zu Garbenschwang war gut besucht. Es war Markttag gewesen und nach erledigten Geschäften ließen viele den Tag mit einem Bier oder auch einem leckeren Essen in der Wirtschaft ausklingen. An einem der schweren, eichenen Tische saßen ein paar Orks aus dem Finsterwald, die sich offenbar Witze erzählten, denn sie kicherten und prusteten in einem fort wie Schulbuben. Um einem anderen hatte sich ein Haufen wohlhabende Bauern in fescher Tracht und mit silbernen Uhrketten versammelt, die lautstark die Preise für verschiedene landwirtschftliche Erzeugnisse diskutierten. Außerdem waren Jäger, Holzfäller, ein fahrender Zauberer mit einem Glasauge in einer etwas abgetragenen Robe, der eine oder andere zwielichtige Bursche von wer weiß woher sowie ein paar Marktkaufleute unterschiedlicher Rasse anwesend, neben allem sonstigen Volk, das man an Markttagen in Städten und größeren Orten anzutreffen gewohnt ist.

Am einzigen Tisch, an dem noch nicht mehrere Personen saßen, guckte Ommo Drahtbart nachdenklich in seinen Bierkrug und beschäftigte sich mit der schwerwiegenden Frage, was er zu Abend essen solle. Er war früh am Morgen von Grimrborg hergeritten, hatte sich auf dem Markt herumgetrieben und dabei auch das eine oder andere gute Geschäftchen gemacht. Jetzt war er rechtschaffen müde, freute sich auf ein gutes Essen und sein weiches Bett oben in dem freundlichen Zimmer, das er sich für die Nacht genommen hatte.

Das Problem des Zwerges war nun nicht etwa, dass es nichts gutes gegeben hätte, sondern es war genau umgekehrt: Ommo hatte die Qual der Wahl, denn im Faulen Hund war alles lecker, die Portionen reichlich und fast alles schmeckte auch Ommo. Gerade lief die dralle Kellnerin Wiltrud, die jeder nur Trudi nannte, mit einem Arm voll Bierkrügen an seinem Tisch vorbei, als er sich für gegrilltes Ochsenfleisch mit Bratkartoffeln und Salaten der Saison entschied.

Ungebetene Gesellschaft

Ommo wartete ab, bis die Kellnerin die Bierkrüge abgesetzt haben würde, um sie dann zu sich zu winken und seine Bestellung aufzugeben. Deswegen war er etwas überrascht, als er plötzlich angesprochen wurde:

„Ist hier noch frei, werter Herr?“

Ommo drehte sich bedächtig zu der Stimme hin und musterte den Fragesteller, den er noch nie gesehen hatte. Er war durchschnittlich groß und durchschnittlich breit, machte dabei aber einen drahtigen und kampferfahren Eindruck. Unter einem schwarzen, unordentlichen Haarschopf guckte ein paar stechende, graue Augen hervor, dass in einem Gesicht mit dünnen Lippen saß, das von einer offensichtlich mehrfach gebrochenen und plattgeschlagenen Nase dominiert wurde.

Begleitet wurde der reisende Ganove, denn um einen solchen handelte es sich zweifellos, von zwei kaum mehr Vertrauen als er selbst erweckenden Gestalten: Ein ziemlich großer, dicker und recht kräftig aussehender Bursche, bei dem offenbar am Hirn zugunsten der Muskeln gespart worden war, stand zu seiner Rechten. Ommo vermutete, dass in seiner Ahnenreihe, wenn der Fleischberg sie denn überhaupt kannte, sicherlich der eine oder andere Oger mitgemischt hatte.

Ein rattengesichtiges, zierliches, aber dabei keineswegs schmächtiges Individuum mit einem huschenden, unsteten Blick, stand auf der anderen Seite seines Chefs, denn das war der plattnasige ganz offensichtlich. Alle drei trugen sie die landesübliche Reisekleidung derer, die sich so etwas leisten konnten: Lederhosen, augenscheinlich sogar Hirschleder, und Wämser aus dem gleichen Material. Dazu wollene Hemden, derbe aber bequeme Lederstiefel mit Sporen und wahrscheinlich auch warme Umhänge und breitkrempige Hüte, die aber jetzt sicher an einem der Kleiderrechen beim Eingang hingen. Ihre Waffen hatten sie offensichtlich beim Stallburschen abgegeben, wie das hier an Markttagen und bei ähnlichen Gelegenheiten mit starkem Publikumsverkehr in den Tavernen und Gasthöfen Vorschrift war.

Der Zwerg hätte eine ganze Hexe samt Besen gefressen, wenn die nicht ganz billige Kleidung der drei Burschen sowie die goldenen Ringe und Ketten, die sie trugen, mit ehrlich verdientem Geld bezahlt gewesen wäre. Er kniff die Augen über seiner mächtigen, gebogenen Nase zusammen, nickte bedächtig, machte eine einladende, aber sparsame Handbewegung und widmete sich dann, verstimmt über die entgangene Gelegenheit zur Bestellung, vorerst wieder dem Studium seines Bierkruges, denn Trudi war gerade wieder in der Küche verschwunden.

Ein unerwünschtes Gespräch

Ob er wohl nicht klar genug gezeigt hatte, dass er kein Gespräch wünschte? Jedenfalls fing Plattnase tatsächlich an, sich mit ihm zu unterhalten. Eigentlich hätte der ja wissen sollen, dass Zwerge meist nicht besonders gesprächig sind, vor allem nicht gegenüber Fremden. Und das man sie besser in Ruhe lässt, wenn man nicht etwas wirklich interessantes zu sagen hat.

„War viel los auf dem Markt, was?“

„Hmmm…“

„Das Wetter hat auch gut mitgespielt…“

„Hmmm…“

„Seid ihr von weit her gekommen?“

„Hmmmpf-grrrrrmpf“

„Gute Geschäfte gemacht?“

Das war doch tatsächlich nicht zu fassen! Merkt der Kerl tatsächlich nicht, dass sein Gelaber hier fehl am Platze war?

Ommo riss sich zusammen, schließlich wollte er hier nicht ein Beispiel für das Klischee des unfreundlichen, jähzornigen und gewalttätigen Zwerges geben. Trotzdem hatte er keine Lust, sich ein Gespräch mit einem absolut unsympathischen Subjekt aufs Auge drücken zu lassen. Er rang sich mit einiger Mühe und nach dem er sich erst einmal geräuspert hatte, zu einer einigermaßen moderaten Antwort durch:

„Ich wüsste nicht, was Euch das anginge…“

Jetzt war es an Plattnase, verstimmt zu sein, jedenfalls tat er so: „ Der Herr Zwerg redet wohl nicht mit jedem?“

„Hmmm….“

Ommo guckte wieder in seinen Bierkrug obwohl sich an seiner Stirn bereits die bekannte Ader zeigte, die jedem, der Ommo kannte, ein untrügliches Zeichen dafür war, dass es jetzt erheblich gesünder war, seinen Mund zu halten und sich unauffällig zu entfernen. Leider kannte Plattnase Ommo nicht und hatte sich wohl überhaupt noch nie mit einem Zwerg unterhalten…

Und jetzt wurde der Kerl auch noch witzig:

„Stimmt es eigentlich, dass Zwerge so große Nasen haben, weil die Luft umsonst ist?“

Wenn er wohl auch noch nie mit einem Zwerg geredet hatte, die dümmlichen Sprüche über die Abneigung von Zwergen dagegen, Geld auszugeben, hatte der Ganove offenbar schon gehört. Ommo sagte jetzt gar nichts mehr, sondern guckte nur mit einem Interesse in seinen Bierkrug, als wenn dort die Lösung aller Sieben Welträtsel zu finden gewesen wäre. Sollte der Kerl doch über zwergische Nasen und zwergische Sparsamkeit lästern, Ommo wusste, dass Zwergennasen schön waren und dass es allemal besser ist, ein Goldstück extra zu verdienen als eines unnötig auszugeben. Dümmliche Menschensprüche über diese feststehenden Tatsachen fochten ihn also nicht sonderlich an.

„Man sollte froh sein, wenn überhaupt jemand mit einem redet, wenn man Mühe hat, über einen normal hohen Tisch zu gucken….“

Zwerge ärgert man nicht ungestraft

Lästereien über ihre Körpergröße hingegen vertrugen Zwerge nicht so besonders gut. Ommos Bierkrug hätte jetzt zwar um ein Haar seinen Henkel eingebüßt, aber der Zwerg zwang sich zu eiserner Ruhe. Dann hatte er sich aber wieder im Griff und er meinte treuherzig zu dem Ganoven:

„Na ja, ich glaube auch kaum, dass sich das lohnt, wenn hinter diesem Tisch einer mit so einer hässlichen und plattgeschlagenen Nase sitzt. Hat Euch…“

Weiter kam Ommo nicht. Er hatte nämlich – wie es sich für einen zwergischen Jäger gehört – mitten ins Schwarze getroffen. Plattnase war auf einmal puterrot im Gesicht, sprang auf, dass sein Stuhl nach hinten polterte und griff zu seinem Gürtel, da wo sein Schwertgriff hätte sein sollen. Da er seine Waffe aber nicht fand, denn die war ja nicht da, sondern beim Stallburschen, guckte er zunächst verdutzt nach unten.

Aber gleich darauf reagierte er, besann sich auf die neue Situation ballte seine Fäuste und riss sie hoch. Doch er hatte zu lange gebraucht, denn in diesem Moment traf ihn bereits ein eisenharter, wohl gezielter Tritt vor die Brust, der ihm die Luft aus den Lungen presste. Ommo hatte zuerst gleichzeitig den Dicken und den Rattenartigen mit je einer Hand an den Haaren gepackt, ihre Köpfe mit einem dumpfen, wenig schönen Geräusch zusammen krachen lassen und sie dann seitlich nach hinten weg geschleudert. Dabei war er einen Schritt vom Tisch zurückgewichen, hatte sich beim Zurückschleudern der beiden Adjudanten nach vorne abgestoßen, war auf den Tisch gesprungen und hatte dem Chef den besagten Tritt vor die Brust verpasst.

Dadurch taumelte dieser soweit zurück, dass Ommo Platz hatte, ihm nachzusetzen indem er vom Tisch sprang. Er beugte sich nach vorne, rammte seinem Gegnern seinen dicken Zwergenschädel in die Magengrube und richtete sich anschließend wieder auf.

Ommos Laune hatte sich schlagartig gebessert und auch seine Müdigkeit war dahin. Ein guter Kampf, selbst wenn es nur eine saftige Kneipenschlägerei war, erfreute das Herz eines jeden echten Zwerges und Ommo Drahtbart war ein echter Zwerg. Mucksmäuschenstill war es in der Kneipe jetzt, so das man deutlich das satte Klatschen hörte, mit dem die nun folgenden zwei trockenen Geraden das Gesicht des Mannes trafen und ihn nach hinten taumeln ließen. Ommo sah es zwar nicht, aber einige der Gäste verzogen bei diesem Geräusch schmerzhaft ihre Gesichter.

Jetzt trat der Zwerg ein Stück zurück und beobachtete Plattnase. Er hätte mit ein zwei, weiteren Schlägen den Kampf beenden können, aber nun wollte er seinen Spaß haben. Und außerdem sollte der Kerl eine Lektion bekommen. Man zog keinen Zwerg mit seiner Größe auf. Nein, das tat man einfach nicht,  zumal Ommo sehr wohl über einen für Menschen gemachten Tisch gucken konnte, er reichte einem durchschnittlichen Menschen immerhin fast bis an die Schulter.

Er wartete also auf den Gegenangriff des Chefganoven und achtete dabei genau darauf, ob dieser ein Messer zog, denn damit rechnete er eigentlich. Das passierte aber nicht. Der Gegenangriff kam zwar, aber nicht mehr mit allzu viel Energie. Das enttäuschte Ommo dann doch. Er hatte dem Aussehen des Ganoven nach mehr erwartet, auch wenn er sich bewusst war, dass er dem Menschen einige knallharte Treffer zugefügt hatte.

Mühelos fing Ommo die rechte Gerade mit seiner linken Pratze ab. Dann holte er seinerseits zu einer rechten Geraden aus, als er links hinter sich einen dumpfen, schweren Schlag hörte. Fast im gleichen Augenblick klatschte es rechts hinter ihm in der gleichen Art, wie er es gerade im Gesicht seines Gegners hatte klatschen lassen. Ommo vollendete den Schlag, der seinen Gegner mitten zwischen die fidelen Orks am Tisch beim Eingang fliegen ließ. Die quittierten diese Aktion mit freudigem Gejohle, lautem Gelächter und begannen Beifall zu klatschen.

Ommo drehte sich nach links, wo Trudi mit einer schweren gusseisernen Bratpfanne in der Hand stand, die sie sicherheitshalber schon wieder erhoben hatte, falls ein zweiter Schlag vonnöten sein sollte. Vor ihr stand, schwankend, mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht, der Dicke. Der Stuhl, den er Ommo hatte von hinten über den Schädel ziehen wollen, fiel ihm gerade aus der Hand und dann sackte er in sich zusammen, woraufhin Trudi mit einem grimmig-befriedigten Gesicht zuerst das gefällte Ogerbaby und dann die Bratpfanne ansah, die sie jetzt auch sinken ließ.

Ommo drehte sich weiter und sah einen riesigen jungen Mann mit langen, blonden Locken und himmelblauen Augen, der ihn freundlich und unschuldig angrinste. Er trug eine einfache Bauernhose und eine ebenso einfache Bauern-Tunika, nur waren diese Kleidungsstücke aus etwas besserem Stoff als die übliche Bauernkleidung.

An seinem ausgestreckten linken Arm hing das erschlaffte Rattengesicht, dessen Visage bereits anfing zuzuschwellen. Jetzt sah Ommo auch die abgeschlagene Flasche, mit der der finstere Bursche in offensichtlich von hinten hatte attackieren wollen.

„Das hätte ins Auge gehen können, lieber Herr Zwerg. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, dass ich mich in Eure Angelegenheit gemischt habe. Aber, mit Verlaub, ihr solltet besser darauf achten, was hinter Euch passiert, wenn ihr Euch mit mehreren Gegnern anlegt “, meinte er und sah Ommo dabei freundlich und offen ins Gesicht.

Eine angenehme Bekanntschaft

„Recht habt ihr, junger Mann, Recht habt ihr “, gab Ommo unumwunden zu. „Ja, ich habe nicht bedacht, dass mein Kätzchen heute nicht dabei ist und mir den Rücken freihält. Sie hat sich am Pfötchen weh getan, da wollt ich sie nicht den weiten Weg laufen lassen…“ Der blonde Hüne guckte jetzt etwas komisch, als wüsste er nicht recht, was der Zwerg redete.

Trudi kicherte, als die den fragenden Ausdruck in den Augen des jungen Mannes sah: „Sein ‚Kätzchen‘ besteht aus 200 Pfund stahlharten Muskeln und mit dem armen, wehen ‚Pfötchen‘ hat sie schon manchen Knochen zertrümmert und manchen Muskel zerrissen“, feixte sie, „er spricht nämlich von seiner Schneepantherin…“

„Ach so,“ meinte der Blonde, „das erklärt natürlich alles.“ Er hatte vielleicht noch keinen Schneepanther gesehen, aber dass eine 200 Pfund schwere Katze als Kampfgefährte recht nützlich sein konnte, war nicht schwer zu verstehen. Jetzt lächelte er entwaffnend und streckt dem Zwerg eine Hand hin, während er höflich das Haupt neigte, „von Garbenschwang, Sire, Lampo, oder eigentlich: Lambertus von Garbenschwang, Paladin der blauen Lilie…“ Er sah entschuldigend an sich hinunter:  „Daheim habe ich es gerne ein wenig leger, man kann ja nicht immer und überall in lauter Eisenblech verpackt umher laufen.“

Er grinste wieder, als Ommo seine Hand ergriff, herzlich schüttelte und erwiderte: „Freut mich, freut mich außerordentlich. Es ist mir eine Ehre! Ommo, äh… Odemar, mein Name, vom Clan der Drahtbärte aus Grimrborg. Ich bin Euch zu tiefstem Dank verpflichtet, ihr habt mir womöglich das Leben gerettet…“

„Nicht der Rede wert, Meister Drahtbart. Es ist die Pflicht eines Paladins und – mit Verlaub, diese Dame“, er neigte das Haupt zu Trudi hin, machte eine elegante und höfliche Handbewegung und schenkte ihr obendrein noch einen hinreißenden Augenaufschlag, „hat mindestens ebenso mutig gehandelt wie ich.“

„Aber natürlich“, meinte Ommo und boxte Trudi gegen die Schulter, die noch ganz verdattert darüber war, dass sie von dem jungen Grafen als Dame bezeichnet und behandelt worden war. „Bist einfach ein feiner Kerl, Trudi! Danke! Vielen Dank!“

„Aber das ist doch selbstverständlich,“ grinste Trudi, die sich schon wieder gefangen hatte und eine hinterhältige Miene aufsetze, „Ich werde doch nicht zulassen, dass ein böser Schuft meinem lieben Zwergilein etwas tut…“

Ommo verzog für einen Moment säuerlich das Gesicht, überging aber die Neckerei der Kellnerin, die, wie er lange schon gemerkt hatte, einen Narren an ihm gefressen hatte. „Ihr müsst Euch zu mir setzen, ich schulde Euch beiden etwas…“

„Ommo, es tut mir so Leid“, wehrte Trudi ab, „aber der Chef ist heute nicht da und der Laden wird immer voller. Ein andermal gerne…“

„Also“, meinte Ommo, „dann hast Du eben etwas gut bei mir…“

„Ich werde zuzeiten darauf zurückkommen,“ meinte sie, „du kannst mir sicherlich auch einmal gefällig sein“, meinte sie mit einem gewissen Unterton, der Ommo schon etwas ahnen ließ. „Ich muss mich jetzt aber um den Laden kümmern, was soll ich Euch bringen?“

„Ja, was möchtet Ihr, Sire“, meinte Ommo zu dem jungen Grafen, „wenigstens Ihr werdet mir doch nicht ausschlagen, heute abend mein Gast zu sein?“

„Oh, ein Paladin der Blauen Lilie sollte zwar keine Gegenleistung für seine Hilfe erwarten, aber einen wohl gemeinten Dank auszuschlagen, wäre auch gegen den Kodex“, lachte Lambertus, „und erstmal wäre jetzt ein Bier angezeigt und dazu ein kräftiger Wurzelschnaps, damit man es nicht so trocken hinunter würgen muss…“

Ommo bot dem jungen Grafen mit einer höflichen Handbewegung einen Stuhl an und Trudi rauschte davon um den beiden ihre Getränke zu holen. Indessen trat ein vierschrötigr Mann mit Helm, Kettenhemd und Schwert hinzu. Am Tisch nahm er Haltung an: „Herr Graf, Meister Drahtbart, meine Männer nehmen diese Burschen auf jeden Fall einmal mit. Es würde mich nicht wundern, wenn die auf irgendwelchen Fahndungslisten stehen würden. Bei dem mit der Flasche sollte man auf jeden Fall überlegen, ob nicht Anklage wegen versuchtem Mord zu erheben ist, anständige Kneipenschlägereien kann man noch tolerieren, aber bei gefährlichen Instrumenten hört der Spaß einfach auf.“ Er stand wieder stramm und schlug die Hacken zusammen.

„Sehr gut, sehr gut, Hauptmann Sauerbier“, meinte der junge Graf. „Ich danke Euch vielmals. Und Ihr habt ja sicher auch gesehen, dass dieser Abschaum den Meister Drahtbart tätlich angegriffen hat, er sich also lediglich verteidigt hat?“

„Aber selbstverständlich, Herr Graf!“

„Gut, dann waltet eures Amtes, Hauptmann Sauerbier! Einen schönen Abend noch.“

„Zu Befehl, Herr Graf! Und auch euch einen schönen Abend!“

Trudi brachte den beiden Bier und Wurzelschnaps. „Ich habe immer noch Hunger“, meinte der Zwerg, „Ihr habt doch sicher auch noch nicht zu Abend gegessen Herr Graf? Also, ich möchte gegrilltes Ochsenfleisch mit Bratkartoffeln und Salat, Trudi.“ Und wieder zu dem jungen Grafen gewandt: „Was möchtet ihr essen, ihr seid, wie gesagt, heute abend mein Gast.“

Gegrilltes Ochsenfleisch fand auch der junge Mann sehr lecker und so bestellte Ommo zwei Portionen so wie weiteres Bier. Beim Essen unterhielten sie sich angeregt über die die kleinen und großen Geschehnisse in und um Garbenschwang. Als sie fertig waren, bestellte Ommo wieder Bier und Wurzelschnaps. Gerade als er sein Pfeife angezündet hatte und die ersten Rauchwolken ausstieß, meinte der junge Graf verlegen lächelnd:

„Also Meister Drahtbart, es ist mir richtig unangenehm, wenn ihr mich immer ‚Herr Graf‘ und ‚ihr‘ nennt. Wenn ihr aus Garbenschwang wärt, hättet ihr mich bereits als Kind gekannt. Von den Leuten hier, die mich schon von klein auf kennen, nennt mich nur Hauptmann Sauerbier so. Und auch der nur im Zusammenhang mit dienstlichen Angelegenheiten. Ansonsten bin ich für alle nur Lampo und ‚du‘.“

Ommo Drahtbart lachte: „Aber dann lässt Du auch den Unfug mit ‚Herr Zwerg‘ und ‚Meister Drahtbart‘ …“

„Abgemacht, Ommo!“

„So soll es sein, Lampo!“

Die Bierkrüge krachten zusammen und es wurde ein sehr fröhlicher Abend. Lampo erzählte vom Orden der Blauen Lilie und den Idealen der Paladine, die schlicht darin bestanden, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen, die in Frieden leben und arbeiten wollte. Das gefiel Drahtbart denn bei aller Rauheit und Brummigkeit waren die Zwerge aus West-Norsileum doch im Grunde ein friedliches Volk und wollten in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen.

Vielleicht waren diese Ideale ein wenig naiv, aber Lambertus hatte gezeigt, dass er bereit und in der Lage war, sich gegen jeden zu stellen, der in seiner kleinen Welt das bedrohte, was er für wichtige und unumstößliche Regeln des Anstands und der Ehre ansah: Ein fairer Kampf war in Ordnung, aber von hinten und mit abgeschlagenen Flaschen, das war für einen Lambertus von Garbenschwang das hinterletzte, einfach allerunterste Schublade.

Er interessierte sich auch sehr für die Maschinenfabrik des Drahtbart-Clans. Seitdem sein Vater für das Gut eine Dampfmaschine von den Drahtbärten angeschafft hatte, war er von der zwergischen Technik fasziniert und fragte Ommo über Dampfdruck, Steuerschieber, Lager und Schmierung aus. Schließlich lud Ommo in zu einem Besuch ein, bei dem er ihm die Maschinenfabrik zeigen und ihn auf die Jagd im Finsterwald mitnehmen wollte.

Unerwartete Schonung eines zwergischen Geldbeutel

Am Schluss waren Lampo und Ommo die zwei letzten Gäste. Lampo hing mit gefährlicher Schlagseite auf seinem Stuhl. Er konnte zwar auch für einen der für ihre Trinkfestigkeit bekannten Paladin einen ganz schönen Stiefel vertragen, wie Ommo anerkennend festgestellt hatte, aber mit der Alkoholresistenz eines Zwerges hielt kein Mensch mit. Ommo war lediglich ein wenig beduselt und vor allem rechtschaffen müde.

„Na, Trudi, dann muss ich wohl mal bezahlen“, meinte er mit leisem Bedauern zu der Kellnerin. Die hatte sich, nach dem der Betrieb in der Wirtschaft vorbei war, doch noch zu einem Glas Elfenwein zu ihnen gesetzt.

„Iwo,“ meinte die Frau und lächelte den Zwerg an, „das übernimmt Hauptmann Sauerbier.“

„Ja, wieso das denn?“

„Das kannst Du ja noch nicht wissen: er hat vorhin einen seiner Männer vorbei geschickt und mir das ausrichten lassen. Sie haben die Sachen der drei Ganoven durchsucht und alles mögliche gefunden, was heute auf dem Markt weggekommen ist. Geldbörsen, Schmuck, und solche Dinge, aber auch kleinere wertvolle Waren von den Ständen. Außerdem hat er aus ihnen den Weg zu ihrem Versteck herausgeprügelt. Seine Leute sind schon losgeritten um es zu durchsuchen. Er glaubt, dass sich da einiges an Beute aus diesen mysteriösen Raubüberfällen der letzten Zeit anfinden wird.“

„Eigentlich wundert mich das nicht“, meinte Ommo schulterzuckend und insgeheim über die Schonung seiner Geldbörse erleichtert, „man sah denen ja auf eine Meile bereits an, dass das keine ehrlichen Reisenden waren.“

Dann sah er auf den mittlerweile auf seinem Stuhl schnarchenden Lampo: „Und was machen wir mit meinem neuen Kumpel? Der kann heute abend ganz sicher nicht mehr heim reiten.“

„Tja, es kommt zwar nicht sehr oft vor, aber wenn er mal zu viel erwischt hat, legen wir ihn immer in eines der Gastzimmer. Leider sind heute wegen des Marktes aber alle belegt. Ich müsste also nach dem Gut schicken, dass sie ihn mit der Kutsche holen. Aber dann wird er morgen früh gewaltigen Ärger mit seiner Mutter bekommen….“

„Das kann nicht angehen“, meinte Ommo, „das wäre ein schlechter Dank dafür, dass er mir womöglich das Leben gerettet hat…“ Er dachte kurz nach und meinte dann: „Ist doch eigentlich kein Problem! Wir packen ihn einfach in mein Bett und ich schlafe auf dem Sofa.“

Also wurde der selig vor sich hin brabbelnde Lampo die Treppe hinauf gehievt. Trudi hatte sich unter seinen rechten Arm geschoben und Ommo half von hinten nach. Schließlich hatten sie den jungen Grafen, soweit das der Schicklichkeit nach möglich war, von seiner Kleidung befreit und in das große Eichenbett gelegt, wo er augenblicklich zu schnarchen anfing.

„So,“ gähnte Ommo, „und wenn du mir jetzt noch eine Decke und ein Kissen bringst, kann ich mich auch aufs Ohr hauen.“ Das mächtige Ledersofa machte einen recht einladenden Eindruck auf den müden Zwerg.

Ein äußerst willkommenes Angebot

„Quark! Was Kissen und was Decke?“ Trudi stemmte die kräftigen Arme in ihre breiten Hüften. „Du brauchst doch nicht auf dem Sofa zu schlafen. Bei mir im Bett ist genug Platz für uns beide und ich wollte mein nettes Zwergilein schon lange einmal so richtig knuddeln, Und außerdem, „fügte sie mit einem hinterhältigen Grinsen hinzu, „hast Du selbst gesagt, dass ich bei Dir etwas gut habe.“

Das war natürlich ein Angebot, das zwerg nicht ausschlagen konnte. Als etwa anderthalb Stunden später eine erschöpfte und glückliche Trudi zusammengerollt und an den haarigen Zwerg gekuschelt eingeschlafen war, machte sich dieser wieder einmal klar, dass er ein Glückspilz war, der Hljomr nicht genug danken konnte: Kein einziges Kupferstück hatte ihn der fidele Abend im Faulen Hund gekostet. Ein richtiger, runder Abend, wie er einem jeden echten Zwerg gefallen hätte und von dem man noch lange erzählen konnte. Und zu dem allem noch brauchte er jetzt auch Trudi nicht mehr zum Essen einzuladen, denn sie hatte seine Schuld ja bereits eingefordert…

Ommo streichelte die ausladenden Rundungen der Menschenfrau, die er eigentlich schon immer hatte gut leiden können, weil sie ein so famoses Haus war und an der er in den vergangenen eineinhalb Stunden noch ganz neue Qualitäten entdeckt hatte. „Ach was soll’s, ich werde sie doch zum Essen einladen“, murmelte er in sich hinein bevor auch er anfing zu schnarchen. Und das wollte bei einem Zwerg schon etwas heißen!

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