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Archive for 21. Mai 2009

Auch 2009 gibt es wieder ein Scheibenwelt-Fest. Der  Verein Ankh-Morpork veranstaltet es auf Burg Bilstein zwischen Siegen und Hagen vom 14.08. – 16.08.09.

Man kann man dort  echtes Scheibenwelt-Essen kosten,  Schwertkampf und Mittelaltertanz erlernen und Liedern von der Scheibenwelt lauschen. Das ist aber noch noch lange nicht alles: Wer will, der kann auch Scheibenwelt-Brett-, Karten- und Rollenspiele ausprobieren oder sich seinen eigenen Igor basteln und lernen wie man aus altem Leder Neues schafft. Selbstverständlich wird auch diskutiert, gelacht, getrunken sowie getanzt  und man kann die Ehrengäste mit Fragen löchern.

Mehr Infos gibt es hier:

Seite der Scheibenwelt-Convention

Und wer von Terry Pratchett und der Scheibenwelt tatsächlich noch nichts weiß, der kann sich auf meinem Selbstversorger-Blog darüber informieren.

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Heute gibt es wieder einmal eine kleine Geschichte über den kuriosen Zwerg Ommo Drahtbart. Sie blendet zurück in Ommos goldene Studententage und zwar genauer gesagt in die Zeit, die er mit seinem Kommilitonen, dem Südzwerg Gaspare Martogrosso als Gaststudent der berühmten Universität von Ferenta, der Hauptstadt von Segetia verbracht hat.

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„Das war wirklich eine gute Idee mit dem Semester in Ferenta!“ meinte Ommo zu Gaspare und sah von seinem Glas mit geeistem, perlenden Weißwein von den Hängen der Mondwaldberge auf. Gaspare lachte: „Natürlich, amico mio, bei uns lässt es sich leben.“
Ommo blinzelte in die Nachmittagssonne, welche die kleinen Wellen auf dem Fetore, so nannten die Segeter den Fetorius heutzutage, wie Myriaden von Diamanten glitzern ließ. Dabei grinste er zufrieden in seinen dunkelroten Bart hinein.
„Es freut mich, dass es Dir hier bei uns gefällt“, meinte der Südzwerg mit den pechschwarzen Haaren und dem pechschwarzen Bart und grinste ebenfalls. Dor’krom, der Ork, der an der Zwergischen Ingenieurschule von Voknabjarg ihr Professor für Philosophie war, hatte Ommo Drahtbart aus Grimrborg diesen Aufenthalt in Segetia wärmstens empfohlen. Und mit den Beziehungen des Martogrosso-Clans, zu dem sein Kommilitone Gaspare gehörte, war es auch kein Problem gewesen, für ein Semester an der berühmten Universität von Ferenta unterzukommen.

Sicherlich gab es hier weder etwas über Dampfmaschinen noch über moderne Gewehrverschlüsse zu lernen, deswegen studierte Gaspare ja sonst auch in Voknabjarg. „Aber was nutzt Euch der ganze technische Krempel,“ pflegte Dor’krom zu seinen Studenten sagen, „wenn euch der philosophische Unterbau für ein gelungenes Leben fehlt?“

Der alte Bonvivant und Abenteurer musste es ja wissen, denn er hatte schon einiges interessantes erlebt: Nach einer Jugendzeit als Söldneroffizier, Seemann und in anderen nicht ganz alltäglichen Berufen war er als Dozent an der renommierten Lehranstalt der schmucken Zwergenstadt am Rande des Finsterwaldes – vorerst – sesshaft geworden. Seine Studenten liebten ihn, denn er war nicht nur auf jeder Feier dabei, sondern brachte ihnen auch eine Philosophie näher, die mitten im Leben stand und alles andere als trocken war. Anhand von Schwänken aus seinem bewegten Vorleben und Beobachtungen im Alltag brachte er ihnen Denkmodelle und Betrachtungsweisen der alten und neuen Philosophen bei – und vor allem, in welchen Lebenslagen sie nützlich waren.

Ommo Drahtbart hatte er besonders ins Herz geschlossen; der mittelalte Ork und der junge Zwerg hatten so manche Nacht durchgezecht. Was Bildung und Gesellschaftliches anging, war Dor’krom die Autorität an der ganzen Moda und wenn er etwas empfahl, war die Sache es auch wirklich wert. So studierte Ommo jetzt mit Gaspare zusammen für ein Semester in Ferenta die großen, alten Philosophen der Klassik, hörte aber auch viel von den neuen Ideen der bedeutenden zeitgenössischen Denker, von denen nicht wenige als Professoren an der Universität tätig waren.

Aber auch was das Gestalterische anging, war hier einiges mitzunehmen. Die Technik der Segeter war zwar alles andere als auf der Höhe der Zeit, ihre Ära als bedeutendste Ingenieure der damals bekannten Welt war lange vorüber. Aber was gute Form, Eleganz und Ästhetik betraf, war hier noch immer der Nabel der Welt. Nicht, dass die segetischen Künstler besseres geschaffen hätten als die Zwerge von Dvergrvirki und aus dem Finsterwald, aber sie hatten den theoretischen Unterbau und die Systematik dazu entwickelt. Ommo hatte hier bereits vieles verstehen und begründen gelernt, was zwergische Künstler zwar schon seit undenklichen Zeiten so machten, aber eben aus dem Bauch heraus, ohne zu wissen, warum die eine Form eben schön war und die andere nicht.

Drei Mädels

Ommo setzte die schicke Brille mit den rauchigen Gläsern auf, die er sich hier zugelegt hatte. Sie war nicht geschliffen und glich keinen Sehfehler aus, sondern diente vielmehr dem Schutz der Augen vor dem oft harten, südlichen Licht und nicht zuletzt dem Aussehen ihres Trägers.
Der Zwerg ließ seinen Blick über die Uferpromenade schweifen, auf der er mit seinem Studienkameraden vor einer kleinen Taverne saß und Wein trank. Es herrschte eine Menge Betrieb, denn zu dieser Stunde hatten die Kontore und Werkstätten bereits zu, die Vorlesungen an der Universität waren vorüber und die Leute kauften dies und das ein oder flanierten ein wenig um sich den nötigen Appetit für das Abendessen zu holen.

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Es war angenehm warm. Hätte nicht die kühlende Brise von der Bucht von Ferenta den Fetore hinauf geweht, wäre es sogar drückend heiß gewesen. Die Leute auf der Promenade, wie die ganze Bevölkerung der heiteren Stadt an der Mündung des Fetore, waren ein buntes Rassengemisch: Elfen aus den Mondwaldbergen, schwarzbärtige Südzwerge mit dunkelbraunen Augen und leicht olivfarbenem Teint, hier und da auch mal ein Ork und vereinzelt Goblins, die ebenfalls dunkelhaarigen einheimischen Menschen und vor allem immer wieder auch schwarze Menschen, deren Vorfahren man aus Meridania als Sklaven hierher verschleppt hatte.

Natürlich gab es auch Männer, aber den jungen Zwerg interessierten vor allem die Frauen. Sie trugen meist kurze Tuniken, denn Prüderie war in Segetia unbekannt, Ommo vermutete, dass es dafür nicht einmal ein neusegetisches Wort gab. Die Sandalen mit den hohen Absätzen betonten besonders die langen Beine der schwarzen Frauen und die Gürtel brachten ihre wohlgeformten Hüften zur Geltung.

Ommos Onkel Hjalm, den er und sein Geschwister immer nur Hochwürden nannten weil er ein geweihter Priester des Hljomr war, hätte sicher ganz trocken gemeint, dass diese jungen Damen außerordentlich ansprechend ausgezogen seien. Es war gut, dass die dunkle Brille auf Ommos riesiger Nase einen guten Sitz hatte, denn sonst hätten seine Stielaugen sie womöglich über die Nasenspitze hinunter geschoben.

Indessen näherten sich drei junge Frauen dem Tisch der beiden Zwerge. Die eine war eine schlanke, schwarzhaarige Segeterin namens Morinia, die derzeitige Freundin von Gaspare. Die zweite, eine rotblonde, sehr junge Zwergin, war Richmodis, die kleine Schwester von Ommo. Sie hatte keine Ruhe gegeben bis sie mit durfte. Richmodis Drahtbart etwas zu verweigern wäre gewesen, als wenn man einen Erdrutsch oder ein Hochwasser hätte verbieten wollen. Sie war bei ein paar Martogrosso-Zwergen untergekommen, die in der Hauptstadt die Geschäfte des Clans besorgten. In der Studentenbude von Gaspare und Ommo hatte ein Backfisch nämlich wirklich nichts zu suchen.

Die dritte Frau kannte Ommo noch nicht. Sie war eine pechschwarze Schönheit mit unendlich langen Beinen, runden Hüften und üppigen aber festen Brüsten, deren Warzen sich deutlich unter dem dünnen Stoff ihrer kurzen Tunika abzeichneten. Gaspare stellte sie als Licoriza vor, eine Kommilitonin von Morinia.

Ommo sprang wie von der Tarantel gestochen auf und bot ihr einen Stuhl an, als sie ihn mit ihren schneeweißen Zähnen anlächelte und ihm ihre schlanke Hand reichte. Sie hatte, wie die meisten der schwarzen Frauen aus Meridania, sehr volle Lippen, eine etwas breite Stupsnase und eine Lücke zwischen den vordersten Oberkieferzähnen. Ein schneller, unauffällige Blick zeigte Ommo, dass auch diese Schwarze nur zwei Brüste hatte und nicht deren vier, wie an den Lagerfeuern im Finsterwald und in den Tavernen an der Moda oft über die Frauen aus Meridania erzählt wurde.

Ein ärgerliches Problem

„Licoriza hat ein Riesenproblem“, plapperte Morinia los, als die drei Mädels bei den zwei Zwergen Platz genommen und Gaspare mehr von dem geeisten Prickelwein bestellt hatte, der Ommo fast genau so gut schmeckte, wie das feine Zwergenbier aus der Kupferkessel-Brauerei in Grimrborg, „sie wird immensen Ärger bekommen, wenn sie es nicht schnellsten löst.“

„Na, na, immer mit der Ruhe,“ beschwichtige Gaspare und sah dann die Negerin an: „Was ist denn schief gelaufen?“

„Grande mierda,“ meinte die, „wir hatten heute morgen ein Klausur in moderner Literatur und ich habe mein magisches Lesezeichen in dem Buch vergessen, das wir dafür bekommen haben.“

„Du meinst das, was Dir Antworten auf Fragen gibt, die Du ihm stellst?“ fragte Gaspare. „Das kann doch kein so großes Problem sein, es sieht doch für uneingeweihte aus wie ein hundsnormales Buchzeichen…“

„Eben. Für Uneingeweihte, das ist der Knackpunkt,“ gab Licoriza zurück, „aber der betreffende Prof ist eben kein Uneingeweihter. Wir hören moderne Literatur bei Sal’lunar und der versteht eine ganz Menge von Magie.“

Ommo pfiff durch die Zähne. „Verstehe…“ Die beiden Zwergen hörten zwar nicht bei diesem Professor, aber in ganz Ferenta kannte fast jedes Kind und auf jeden Fall jeder an der Universität Eammon Sal’lunare den hochgewachsenen, schlanken und dunkelhaarigen Elfen aus dem Mondwald. Seinen Name, eigentlich lautete er Saltatorlunaris, also Mondtänzer, hatte er nicht aus Eitelkeit in das Altsegetische übersetzt. Im Gegenteil, Eammon war wie jeder Elf, auf seinen klangvollen elfischen Namen stolz. Nur leider konnte den niemand aussprechen oder gar richtig schreiben und das wäre einer Karriere, bei der es zu einem erheblichen Teil auf Bekanntheit ankam, nicht sehr förderlich gewesen. Also hatte er ihn ins altsegetische übersetzt und in elfischer Weise verkürzt,

„Richtig,“ spann Gaspare Ommos Gedanken weiter, „nach seinem neuesten Buch wird er ganz besonders auf der Hut sein und dabei auch scharf auf magische Gegenstände in seiner Umgebung achten. Wie man hört, ist ‚Die Drachenangst-Lüge‘ in Iserndam auf keine besonders große Gegenliebe gestoßen…“

„Was natürlich nur zeigt, dass er mit seinen Gedanken ins Schwarze getroffen hat…“ nahm Ommo das Thema auf, das sich unter aufmüpfigen Studenten großer Beliebtheit erfreute: Die Behauptung der Regierung von Iserndam, dass sie mit ihrer militärischen Präsenz in allen möglichen Staaten, diese vor drohenden Angriffen von ominösen Drachen aus dem Ehernen Gebirge beschützten und ihnen Freiheit und eine gerechte Regierungsform brächten. Sal’lunare war einer der Vordenker der Iserndam-Gegner und seine Schriften wurden in vielen Ländern verbreitet. Wo Iserndam das Sagen hatte, herrschte zwar angeblich Meinungsfreiheit, aber sehr oft verschwanden Leute spurlos, die Schriften gegen den expansiven Stadtstaat verbreitet hatten.

Eine praktikable Lösung?

„Iserndam hin, Drachenangst her,“ krähte da Richmodis, „euer Geschwätz löst Licorizas Problem nicht. Lasst euch lieber was einfallen, wenn ihr schon so schlau seid!“

„Das Lesezeichen muss irgendwie wieder raus aus dem Buch, das ich benutzt habe, sonst bekomme ich fürchterlichen Ärger,“ meinte Licoriza traurig und sah Ommo dabei tief in die Augen, so dass es ihm heiß und kalt über den Rücken lief„wenn ich Pech habe, fliege ich sogar von der Uni.“

Eine Frau – und noch dazu eine so eine attraktive – traurig zu sehen, dass konnte ein Ommo Drahtbart natürlich nicht ertragen. „Wir werden das Ding schon herbeischaffen,“ tröstete er das Mädchen und sah dann seinen Freund an: „Nicht wahr Gaspare?“

„Aber sicher doch, Ommo. Wir haben schon lange kein echtes Ding mehr gedreht. Das wird ein Heidenspaß!“ freute der schwarzhaarige Zwerg sich und wandte sich dann zu den beiden Studentinnen: „In welchem Hörsaal war die Klausur?“

Kurze Zeit darauf war ein Plan in seinen groben Zügen gefasst und die Mädchen verabschiedeten sich: „Ihr könnt mir das Lesezeichen heute abend auf das Fest am Strand mitbringen,“ meinte Licoriza und warf Ommo noch einmal einen bittenden Blick zu, „ich verlasse mich auf euch beide, ihr seid meine einzige Hoffnung…“

„Die beiden werden das Ding schon schaukeln, keine Angst,“ meinte Morinia im Fortgehen und zog die beiden anderen Mädchen mit sich, „und jetzt muss ich unbedingt noch eine schnuckelige Tunika für heute Abend finden…“

Als sie gleich danach außer Hörweite der beiden Zwerge waren, grinste Licoriza Morinia an: „Selbstverständlich schaffen die das. Und für den knuddeligen Rotkopf habe ich mir auch schon eine ganz besondere Belohnung ausgedacht, über die er bestimmt nicht enttäuscht sein wird. Sie plinkerte vielsagend mit ihren Kulleraugen, wechselte aber schnell das Thema, als ihr einfiel, dass die kleine Schwester des Kandidaten für die „ganz besondere Belohnung“ dabei war. Zum Glück war Richmodis in diesem Moment bereits von der prächtigen Auslage eines Damenschneiders abgelenkt worden, die sie mit einem Laut des Entzückens zielstrebig ansteuerte. Die beiden anderen Mädels folgten ihr und hatten kurz darauf das Lesezeichen, den Professor und die beiden Zwerge vorerst einmal vollkommen vergessen.

Abend in Ferenta

Einige Stunden später, es war bereits stark dämmerig, sah man zwei kurze, stämmig Gestalten über den Campus von Ferenta schleichen.

„Hey, da fällt mir was ein,“ meinte Gaspare und zog Ommo in den Eingang eines niedrigen, eher unansehnlichen Gebäudes. Als die beiden Zwerge wieder zum Vorschein kamen, trug jeder einen Eimer und einen Mopp.

„Du bist ein schlauer Bursche“, meinte Ommo anerkennend, „die Idee könnte von mir sein: Mit dem Hute in der Hand kommst du zwar durchs ganze Land, aber mit einem Putzeimer und einem Wischmopp unauffällig in jedes Haus.“

Die beiden prusteten vor unterdrücktem Lachen und Gaspare machte „Schscht! Wir müssen das Gelache sein lassen, sonst fallen wir doch noch jemandem auf!“

„Dass stimmt,“ gab Ommo kichernd zurück, „denn Leute mit Putzmopps und Wischeimern, äh Wischmopps und Putzeimern haben normalerweise nichts zu lachen..“

Kurz darauf langten sie vor dem Eingang des Gebäudes an, in dem sich der fragliche Hörsaal befand. Es lag in einem etwas abgelegenen jetzt, sehr dunklen Teil des Campus unter hohen Platanen. Sie drehten eine Runde um das Gebäude und sahen auf der Rückseite, dass in einem Zimmer Licht brannte.

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Gaspare stieß einen zwar leisen, aber nichtsdestotrotz ausnehmend obszönen segetischen Fluch aus und meinte dann: „Das ist, wenn ich mich nicht irre, das Arbeitszimmer von unserm hochverehrten Professor Sal’lunare. Das verkompliziert die Sache natürlich.“

Ommo zuckte mit der Schulter: Naja, da müssen wir halt besonders leise und vorsichtig sein. Gekniffen wird nicht, ein Zwerg gibt nicht auf.“

Die beiden sahen sich an und Gaspare nickte bedächtig.

„Soviel steht fest: sei er aus dem Finsterwald oder aus der Fetore-Ebene, ein Zwerg gibt nicht auf. Und gekniffen wird nicht!“ pflichtete er Ommo bei.

Zurück auf der Vorderseite erwartete sie die zweite böse Überraschung. Ommo unterdrückt nur mit Mühe einen Wutschrei als er die Türklinke herunter drückte: „Abgeschlossen! So eine verf…. , bepisste und auf kleiner Flamme gegarte, blutige Goblinscheisse!“

Jetzt war es an Gaspare, mit der Schulter zu zucken: „War doch eigentlich zu erwarten. Wenn er hier abends allein arbeitet, wäre er in seiner derzeitigen Situation wahnsinnig, wenn er die Tür offen lassen würde. Sei froh, dass er abgeschlossen hat. Wenn er es nicht getan und dafür irgendwelche magischen Fallen angebracht hätte, wäre unser Ausflug hier zu Ende gewesen und nicht nur Licoriza, sondern auch wir würden gewaltig in der Patsche sitzen.“

Das war natürlich auch Ommo klar. Er nickte langsam, sah an einer der uralten Platanen hinauf, deren Äste bis zu den Fenster des ersten Stockes reichten und meinte: „Ein Zwerg ist zwar kein Eichhörnchen aber….“

Einige Augenblicke, ein paar Hautabschürfungen, unterdrückte Flüche und Ächzer später standen die beiden auf einem breiten Fenstersimsen. Ommo holte sein Jagdmesser hervor, hebelte vorsichtig eine der Butzenscheiben aus ihrer Bleibettung, griff durch die Öffnung hinein und drehte den Fenstergriff.

Drinnen wollte Gaspare gleich weiter. Ommo hielt ihn am Ärmel zurück. Er setzte die Scheibe zurück an ihren Platz und drückte den aufgebogenen Bleirand mit dem Heft seines Messer wieder zurecht. „Von innen sieht man gar nichts und von außen guckt keiner das Fenster so genau an,“ meinte er befriedigt und steckte sein Messer weg, „es muss ja nicht unbedingt auffallen, dass jemand hier war. Und raus kommen wir auch so, denn die Tür unten geht von innen auch ohne Schlüssel auf.“

Noch ein ungebetener Gast

Vorsichtig schlichen die beiden Zwerge über den Gang in den Hörsaal, in dem die Mädchen am Vormittag die Klausur gehabt hatten. Ihre Pechsträhne schien zu Ende zu sein: die Bücher lagen noch auf den Pulten. Ommo vergaß darüber, dass ihm auf dem Gang einen Moment so gewesen war, als ob er ein sündhaft teures Parfüm gerochen hätte.

„Zum Glück sind diese Elfen so eingebildet, dass es unter der Würde des großen Eammon Sal’lunare ist, Bücher einzusammeln und zu kontrollieren,“ feixte Gaspare, „er wird es morgen seinen Gehilfen tun lassen. Unser Glück!“

„Schtscht! Dritte Reihe, fünfter Platz von der Türseite aus gesehen, hat das Schokotörtchen gesagt.“ Ommo setzte sich in Bewegung und Gaspare folgte ihm. Tatsächlich ragte ein Lesezeichen aus dem dicken Wälzer, der auf dem Pult lag. Gaspare zog es heraus, fuhr mit dem Finger darüber und murmelte etwas. Das Lesezeichen glimmte schwach auf.

„Das ist es. Jetzt nichts wie weg, aber leise,“ flüsterte der schwarzhaarige Zwerg. Gerade wollten die beiden zurück zur Tür schleichen, da zuckten sie zusammen und erstarrten. Auf dem Gang hatte es gerappelt und es war ein unterdrückter Schmerzenslaut zu hören. Offenbar hatte sich da jemand etwas empfindliches an irgendeinem vorstehenden Teil der vielen Statuen gestoßen, die den Gang säumten. Ommo dachte kurz an den Parfümhauch von gerade eben, aber der Schmerzenslaut hatte nichts weibliches an sich gehabt.

Kurz darauf bewegte sich etwas Schattenhaftes an der Tür des Hörsaals vorbei. Vorsichtig schlichen die beiden Zwerge los, durch die Tür auf den Gang und hinter der Gestalt her. Ein Stück den Gang hinunter fiel ein Lichtschein aus der nur angelehnten Tür eines Raumes, der eigentlich nur Sal’lunares Arbeitszimmer sein konnte. Und auf diese Tür bewegte die Gestalt sich zu…

In geheimer Mission

Eammon Sal’lunare stand mit dem Rücken zur Tür an dem Stehpult in seinem geräumigen Arbeitszimmer. Obschon er nicht mehr der jüngste war, stand er vollkommen aufrecht und in seinem langen, schwarzen Haar, dass ihm über die Schultern bis auf den Rücken fiel, war noch kein einziges Bisschen Grau oder gar Weiß zu sehen. Nachdenklich sah er durch den eleganten Kneifer auf seiner langen, wohlgeformten Nase und betrachtete die Schreibfeder, die er in seiner schlanken Hand hielt.

Auf einmal rumpelte es hinter ihm, er hörte einen lästerlichen Fluch, einen schrillen Schmerzensschrei und dann fiel etwas klirrend zu Boden.

Als der Elf herum fuhr, sah er einen schwarzhaarigen Zwerg, der mit der einen Hand einen benommenen Goblin am Schlafittchen und mit der anderen dessen Handgelenk umfasst hielt. Auf dem Boden lag ein langer, tödlich aussehender Dolch. Daneben stand ein rothaariger Zwerg, der sich mit zufriedener Mine die Knöchel seiner rechten Faust besah, dann zum Fenster marschierte, die Vorhangschnur abriss und dem Goblin damit die Hände auf den Rücken fesselte.

„Zu fragen, ob das hier wohl ein Freund von Euch ist, erübrigt sich wohl,“ meinte Gaspare gleichmütig.

Der Elf hatte sich schon wieder gefasst. „Euch gebührt mein tausendfältiger Dank, meine lieben Herren Unterir… äh…. Zwerge,“ meinte er mit einer Verbeugung, „dieses hässliche Etwas wollte mich ja wohl ganz offensichtlich in eine bessere Welt befördern, aber…“

Er sah die beiden Zwerge nachdenklich an: „… wenn ich Eure geschätzte Anwesenheit hier und jetzt unter den gegebenen Umständen auch als großes Glück ansehen muss, so enthebt mich dies doch nicht der Pflicht, auf der Beantwortung der Frage zu bestehen, was die Herren Zwerge um diese Zeit in dieses Gebäude im allgemeinen und vor allem im ganz speziellen hier in mein Arbeitszimmer führt…“

Ommo wurde es heiß und kalt zugleich. Gerade wollte er irgendetwas stammeln, als ihn ein unauffälliger Tritt gegen das Schienbein traf. Gaspare räusperte sich und stand stramm. „Geschätzter Herr Professor, das kann ich Euch leicht erklären, begann er und schubste den Goblin zur Seite, „wir hatten dieses Individuum in einer“ – er räusperte sich erneut und deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf den Goblin – „dienstlichen Angelegenheit, deren nähere Umstände Euch gegenüber zu erhellen, mir keinesfalls gestattet ist, zu observieren, als dieser in dieses Gebäude eindrang, ganz offensichtlich ja wohl in einer alles andere als lauteren Absicht.“

Ommo war sprachlos. Er war zwar keineswegs dumm und für einen Zwerg auch relativ eloquent, aber von einer solchen Schlagfertigkeit konnte er allerhöchstens träumen. Er beschloss, in heiklen Situationen zukünftig immer Gaspare das Reden zu überlassen.

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Der Professor blickte von dem einen Zwerg zu dem anderen und wollte zu einer Frage ansetzen. Gaspare schnitt ihm jedoch das Wort ab, bevor er überhaupt den Mund richtig aufbekam: „Ich muss Euch dringlichst ersuchen, über diese Angelegenheit das allerstrengste Stillschweigen zu bewahren. Alles andere könnte“ – Gaspare räusperte sich erneut – „die erheblichsten Unannehmlichkeiten“ – Gaspare deutete eine Verbeugung an – „für Eure höchlichst geschätzte Person haben.“

Jetzt hatte es auch dem Elfen die Sprache verschlagen. Gaspare wies mit einer leichten Kopfbewegung auf den Goblin und fuhr fort: „Dieses Individuum könnt ihr, selbstverständlich nach Ablauf einer angemessenen Zeitspanne nach unserem Fortgang, von der Wache abholen und seiner gerechten Strafe zuführen lassen.“

Er ging zu einer Kommode an der Wand, wählte eine der großen, schlanken Marmorvasen aus, die darauf standen, trat hinter den Goblin und zog ihm das Kunstwerk kräftig über den Schädel. Der Goblin sackte mit einem verklärten Lächeln und einem Seufzer in sich zusammen, Gaspare drückte dem Elf die Vase in die elegante Hand mit den langen, schlanken Fingern und meinte: „So wird es Euch ein leichtes sein, diese Situation zu erklären: Ihr habt den Goblin beim Herumschleichen in Euren Räumen ertappt, von hinten niedergeschlagen und gefesselt. Der Dolch, den er in der Hand hatte, wird seine Lage nicht verbessern. Bitte entschuldigt die Wortkargheit meines Kollegen, er ist zwar in allen Dingen der praktischen Arbeit ein erstklassiger Mitarbeiter, nur mit Worten nicht so gewandt. Geht also davon aus, dass er Euch, so wie ich auch, herzlichst noch einen angenehmen Abend wünscht.“

Peinliche Begegnung

Gaspare verbeugte sich noch einmal formvollendet und schob Ommo zur Tür hinaus. Die beiden beeilten sich, den Gang hinauf, die Treppe hinunter und nach draußen zu kommen.

„Nanu, die Tür ist gar nicht mehr abgeschlossen,“ meinte Ommo, als er die Klinke drückte.

„Der Goblin wird das Schloss geknackt haben oder er hat sogar einen Schlüssel gehabt,“ mutmaßte Gaspare, „es ist auch scheissegal, wir müssen hier weg, bevor die Wache anrückt. Denen möchte ich nämlich keine Fragen beantworten müssen.“

„Guten Abend!“ Aus dem Schatten unter den Platanen trat eine eindeutig weibliche Gestalt. Sie trug nicht die kurze Tunika, die bei den jungen Frauen derzeit in Mode war, sondern ein klassisches Gewand. Jung war sie auch nicht mehr, aber das, was Dor’krom bei dieser Art Frauen als „in erstklassigem Erhaltungszustand“ bezeichnete.

Die Falten des augenscheinlich nicht ganz billigen Gewandes umschmeichelten die etwas füllige, aber wohlgeformte Figur der selbst für eine Menschin relativ großen Frau. Lockiges rotes Haar fiel über ihre Schultern, umschmeichelte auch ihr Gesicht mit den – wie Ommo sehr gut wusste – meergrünen Augen: Cingibra Nemorivaga, die Professorin für Literatur, bei der Ommo und Gaspare ein Seminar besuchten.

„Sieh an, sieh an: Ommo Drahtbart und Gaspare Martogrosso… Eigentlich müsste ich die beiden Herren ja fragen, was sie zu dieser Zeit auf dem Campus und in einem Gebäude zu suchen haben, das sie gar nichts angeht…“

Die reife Schönheit lächelte die beiden Zwerge hintergründig an. Ein hocherotisch duftendes aber dennoch keineswegs aufdringliches Parfüm kitzelte dezent die dicken Nasen der Zwerge. Jetzt fiel auch Gaspare nichts mehr ein. Doch die bezaubernde Cingibra sprach erst einmal weiter:

„Ich wusste auch gar nicht, dass ihr beide bei der Geheimpolizei seid…“

In je einem schwarzen und einem roten Bart sah man jetzt Öffnungen erscheinen, als zwei Zwergenkiefer synchron herunter klappten. Ommo und Gaspare sahen einander betreten an und dann wieder zu der Professorin. Die zog die Stirn kraus und blickte die beiden Zwerge nachdenklich an.

„Also eigentlich müsste ich dieser Sache auf das allerstrengste nachgehen. Aber da ihr beide ja, wie es aussieht, dem guten Eammon das Leben gerettet habt, will ich für dieses Mal gar nicht wissen, was ihr beide hier zu suchen hattet. Aber lasst Euch nicht noch einmal bei so etwas erwischen.“

Ein schwarzhaariger und ein rothaariger Zwerg atmeten hörbar auf. Doch Cingibra war noch nicht fertig.

„Ommo Drahtbart!“

„Hier bei der Arbeit!“ wollte er schon gewohnheitsmäßig sagen, doch verkniff er sich das unter den gegebenen Umständen. Stattdessen meinte er vorsichtig:

„Ja….“

„Ich habe mir Eure Seminararbeit über Coleo Loramento einmal näher angesehen….“

„Ja…“

„Eine sehr schöne Arbeit! Aber ich hätte für Euch noch ein paar Ratschläge, damit diese an sich schon beachtliche Stück vollends perfekt wird“

Ommo hatte sich mittlerweile wieder einigermaßen gefasst und gab sich jetzt einen Ruck. Schließlich wollte er nicht wie ein Idiot dastehen.

„Gerne, gerne.. Signora Professora!“

„Sucht mich doch bitte übermorgen auf. Am besten in meinen Privaträumen, dort sind wir ungestört. Ist es euch so etwa zu Beginn der dritten Abendstunde genehm? Ich werde ein Fläschchen Prickelwein kühl stellen und für ein paar Häppchen sorgen, dann können wir uns ganz ungezwungen unterhalten…“

Ommo schwirrte schon wieder der Kopf. Aber ein Zwerg konnte sich schließlich zusammennehmen.

„Es wird mir eine Freude sein, zu kommen, Signora Professora!“

Eine erstklassige Feier

Gaspare winkte eine der einspännigen Pferdedroschken heran, die zum typischen Straßenbild von Ferenta gehörten und wies den Kutscher an, sie zum Strand zu fahren.

„Das ist ja noch einmal gut gegangen,“ meinte er, als sie sich behaglich in die Polster zurück lehnten. „Jetzt weißt Du auch, warum die Tür nicht mehr abgeschlossen war: Die Nemorivaga hat dem alten Elfenbock einen Besuch abstatten wollen. Höchstwahrscheinlich um über klassische Literatur zu diskutieren….“

Als sich die beiden Zwerge von ihrem Lachanfall erholt hatten, meinte Ommo: „Oder sie ist uns schon vorher auf dem Campus nachgeschlichen… Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wo der Parfümduft auf dem Gang herkam.“

„Wie dem auch sei,“ meine Gaspare, „sie hat jedenfalls mitgekriegt, was in Sal’lunares Arbeitszimmer abgegangen ist. Und höchstwahrscheinlich auch, dass Du in allen Dingen der praktischen Arbeit ein erstklassiger Mitarbeiter seist, wie ich ja gesagt habe. Und deswegen hat sie dich wohl auch für übermorgen zu sich bestellt.“

Ommo grinste: „Ich wusste gar nicht, dass Menschenweiber in dieser Beziehung genau so sind wie Zwerginnen: Im Klimakterium werden sie mannstoll… „

„Apropos mannstoll,“ Gaspare griff in die Tasche, förderte Licorizas magisches Lesezeichen zutage und reichte es Ommo, „Gib du dem Schokotörtchen sein Artefakt zurück. Für die Annahme der Belohnung, die da drauf steht, würde mir Morinia den Zapfen samt Beutel und Klötzen abschneiden – und zwar mit einem stumpfen Messer.“

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Als die beiden Zwerge am Strand der Bucht von Ferenta ankamen, war die Feier schon in vollem Gange. Am Spieß dreht sich ein Hammel und der Prickelwein floss in Strömen. Ommo entdeckte Licoriza am Feuer, pfiff und winkte mit dem Lesezeichen.

„Du bist ja so ein süßes Zwergilein,“ rief sie, drückte ihn an sich und küsste ihn auf die Stirn. „Komm mit, Du musst mir erzählen, wie ihr das angestellt habt.“

„Gleich, gleich,“ bremste Ommo das schwarze Mädchen, „ich bin total verschwitzt, dass war eine heiße Sache. Ich muss erst mal ins Wasser…“

Er kletterte aus seinen Kleidern und stürzte sich in seiner riesigen, weißgepunkteten roten Unterhose in die Brandung. Als er nach ein paar Schwimmzügen und ausgiebigem Geplansche und Gepruste wieder aus dem Wasser kam, wartete Licoriza bereits mit knusperigem Hammelfleisch, weißem Brot, Oliven und dergleichen sowie zwei Pokalen voll mit dem süßen segetischen Prickelwein, der Ommo fast so gut schmeckte wie das unvergleichliche Kupferkessel-Bräu aus Grimrborg.

Licoriza bugsierte den wackeren jungen Zwerg ein wenig abseits in die Dünen. Dort ließen sie sich nieder. Kurz darauf hatte er den Kopf in ihrem Schoß liegen, während sie ihn mit Häppchen von Hammelfleisch und den anderen Sachen fütterte und er kauend den Hergang der Expedition berichtete. Den Schluss der Unterredung mit der rothaarigen Cingibra verschwieg er natürlich, walzte dafür die Vermutungen über deren Beziehung zu dem eleganten Elfen zu epischer Breite aus.

*

Ommos weißgepunktete rote Unterhose hing zum Trocknen vor dem kleinen, weißen Zelt am Strand. Am Feuer, ein Stück entfernt, saßen noch ein paar übernächtigte, aber standhafte Zecher. Die Sonne ging gerade auf, als Licoriza in dem weichen Schlafsack aus Schaffell eng an den haarigen Zwerg gekuschelt eingeschlafen war. Auch Ommo war total ausgepumpt und das will bei einem Zwerg schon etwas heißen. Er sog genüsslich den Duft seiner Bettgenossin ein, deren Liebesschweiß eine ganz besondere Note hatte, die ihn an fremde Strände und exotische Gewürze erinnerte.

Er fragte sich, wie wohl die rothaarige Professorin riechen würde, wenn der Duft ihres teuren Parfüms nach Stunden im Bett verflogen war. Übermorgen um diese Zeit würde er wohl auch das wissen, dachte er zufrieden. Er dankte Hljomr für Schutz und Führung sowie das ganze Abenteuer und ehe er zu schnarchen begann, nahm er sich noch fest vor, Dor’krom ein ganz besonderes Geschenk für den Ratschlag mit Ferenta zu machen…

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