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Archive for 22. März 2009


Im Zusammenhang mit dem Internet und speziell mit virtuellen Welten hört man oft den Ausdruck „Avatar“. Manch einer, so vermute ich mal, benutzt ihn, ohne zu wissen, was er eigentlich bedeutet. Das Benutzen von Worten, ohne sie verstanden zu haben, ist allerdings kein Phänomen, welches nur im Zusammenhang mit dem Internet allgemein und Online-Rollenspielen im besonderen, sondern auch in Verbindung mit ganz anderen Themen auftritt.Damit wenigstens eine dieser peinlichen Bildungslücken behoben wird, beschäftige ich mich heute mit dem Begriff des Avatars.

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Avatare müssen nicht unbedingt so aussehen wie ihre Besitzer: Zwerg Drahtbart mag ja noch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem seinen haben (zumindest behauptet meine Frau gerne, dass ich aussähe wie ein Zwerg)...

Das Wort Avatar, eigentlich heißt es Avatara stammt aus der Welt des Buddhismus und Hinduismus; es bedeutet ursprünglich so etwas, wie eine bestimmte Inkarnation oder Verkörperung eines göttlichen Wesens. Die Hindus und Buddhisten glauben ja an Reinkarnation, also Seelenwanderung oder Wiedergeburt und auch daran, dass göttliche Wesen in unterschiedlichen Gestalten auf die Erde kommen. Diese Gestalt, der Avatara, kann sich auch darauf beschränken, bestimmte Aspekte des jeweiligen Gottes zu verkörpern, andere Aspekte können von anderen Avataren verkörpert werden.

Avatare im Netz

Als Avatar bezeichnet man nicht nur in Online-Rollenspielen, sondern auch sonst im Netz die Identität, unter der jemand mit anderen Nutzern kommuniziert. Dieser kann – z.B. in Diskussionsforen zu Sachthemen – der realen Person entsprechen; allerdings spricht man in einem solchen Fall eher weniger von einem Avatar, weil ein Forum keine eigene Welt ist, sondern darin in aller Regel Themen aus der realen Welt diskutiert werden, wie etwa Politik, Skifahren oder Heimwerken. Ein Avatar im eigentlichen Sinne ist eine Identität, die man in einem bestimmten Zusammenhang im Netz annimmt und die sich erheblich von der eigenen, realen Person unterscheiden kann.

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... aber beim Orkmädchen Zenzi kann man das kaum sagen: Sie ist eindeutig hübscher als der alte Fokko!

Genau genommen könnte man auch die Teilnehmer an Foren zu Sachfragen als Avatare bezeichnen, denn wenn man mit jemandem fachlich in einem einschlägigen Forum z.B. mit einem Hans Meier über das Schmieden diskutiert, sind die anderen Persönlichkeitsaspekte – zumindest kann man dieser Meinung sein – des Gegenübers völlig nebensächlich.

Es zählen lediglich seine Erfahrungen, Ansichten und Kenntnisse bezüglich des Schmiedens; ob man in politischen Meinungen, den Ansichten über Kindererziehung, dem Glauben usw. mit dieser Person übereinstimmt wird völlig ausgeblendet. Es wird also nur ein bestimmter Aspekt der Person, in diesem Falle der Schmied Hans Meier, gesehen, gewürdigt und bewertet.

So gesehen treten wir natürlich auch in in unserem realen Leben oft als Avatare auf. Wer erinnert sich nicht an einen strengen Lehrer, der privat ein sehr angenehmer Mensch war? Jede Persönlichkeit hat viele Aspekte, die in den unterschiedlichen Bereichen seines Lebens unterschiedlich stark ausgeprägt und mehr oder auch weniger scharf gegeneinander abgegrenzt sein können. Ob es nun sinnvoll ist, verschiedene Rollen zu spielen, wie der im Beruf strenge Lehrer der im Privatleben ein prima Kumpel ist oder Kompetenzen aus einem Bereich auch in anderen zu nutzen, wie der Chef, dem man bei der Arbeit den Mannschaftssportler positiv anmerkt, soll hier nicht diskutiert werden.

Avatar oder Fake?

Zurück also zum Thema: Oft entspricht ein Avatar in einer virtuellen Welt den eigenen Wunschvorstellung davon, wie man sein möchte, er kann auch bestimmte Facetten einer Persönlichkeit abbilden, die im realen Leben seines Besitzers dessen Meinung nach zu wenig zur Geltung kommen. Avatare sind oft schöner, besser, reicher, stärker usw. als ihre Besitzer, weil viele Leute gern als mehr erscheinen möchten, als sie im realen Leben sind.

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Bei Second Life kann man seine Avatare beliebig gestalten: Da kann dann auch ein Orkmädchen...

Wenn man sich in bestimmten Chats, Foren oder dergleichen als etwas anderes ausgibt, als man ist, z.B. als Frau, wenn man ein Mann ist, nennt man das ein Fake. (engl. to fake – fälschen, (nachmachen). Die Grenze zwischen Fake und Avatar ist fließend, auf jeden Fall aber handelt es sich um ein Fake, wenn jemand falsche Angaben an einem Ort macht, an dem wahrheitsgemäße Angaben erwartet werden.

In einem Chat etwa oder einer sonstigen Community, in der die Kommunikation auf reales Kennenlernen abzielt, ist der Begriff des Avatars fehl am Platz. Man ist dort „man selbst“, so wie man es auch am Telefon oder in einem Brief ist. In Rollenspielen jedoch ist der Begriff des Avatars angebracht. Dort schlüpft man definitionsgemäß in eine Rolle, ist eventuell jemand ganz anderes, muss das zwar nicht, kann es aber sein.

Natürlich kann – und wird in vielen oder sogar den meisten Fällen – ein Avatar von seiner Mentalität seinem Besitzer ähnlich sein. Darüber zu streiten oder sich lustig zu machen, wie sinnvoll oder sinnlos es sei, wenn man als 120 kg schwer Mann ein zierliches Elfenfräulein als Avatar hat, mag unterhaltsam sein, tut aber für das Thema „Avatar“ nichts zur Sache.

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... schon mal scharf gestylet in der Disco abtanzen

Ein Avatar kann aber auch Seiten seines Besitzers verkörpern, die man von ihm als realem Menschen gar nicht oder nur wenig kennt. Hier kann einer also auch Dinge ausleben, die er im realen Leben lieber oder besser nicht auslebt. Ich persönlich hatte vor Jahren einmal zwei Avatare für einschlägige Chats, den gutmütig-einfältigen, etwas brummigen, ab und zu gewalttätigen Haegar und den sadistischen, verkommenen, intellektuellen Prof. Cane (engl „cane“ Rohrstock), die ich je nach Gemütslage auftreten ließ und viel Spaß dabei hatte, wobei nicht viele Leute wussten, dass hinter beiden ein und dieselbe reale Person steckte.

Ein Avatar in einem Online-Rollenspiel wird meist als Character oder Charakter, kurz Char bezeichnet. Wie jeder Avatar kann er, muss es aber nicht, die Persönlichkeitsmerkmale – oder doch zumindest einen Teil davon – seines Besitzers widerspiegeln. Oft wird dies auch ganz unbewusst geschehen. Eine hohe Kunst wäre es, einen Charakter zu erfinden und mit Leben zu erfüllen, der absolut nichts mit seinem Benutzer zu tun hätte, in etwa so, wie ein Schriftsteller eine Figur für ein Geschichte erfindet.

Allerdings wäre hier der Begriff Avatar dann schon wieder fehl am Platze, denn ein solcher Charakter würde ja eben gerade nicht die Persönlichkeit seines Besitzers bzw. Aspekte davon widerspiegeln. Bei Rollenspielen wie World of Warcraft wird ein Charakter wohl aber oft auch erst gar nicht als Persönlichkeit, sondern eher als eine Art Sportgerät entwickelt, das möglichst hohe Leistung – in der regel in Form von Kampfkraft – zu bringen hat. Dann allerdings handelt es sich aber nicht mehr um Rollenspiel in seiner eigentlichen Bedeutung, sondern um elektronischen Sport.und der Begriff „Character“ passt hier besser als „Avatar“.

Diese Art, ein Rollenspiel zu benutzen ist zwar vieler Leute, aber doch nicht jedermanns Sache ist. Daher gibt es bei Spielen wie World of Warcraft spezielle Rollenspielserver, bei denen das jeweils gespielte Abenteuer und die Persönlichkeiten der Charaktere im Vordergrund stehen und die Kampfkraft der Helden weniger Bedeutung hat. Hier ist passt dann der Begriff Avatar für die Spielfigur besser, zumindest, wenn der Spieler in gewisser Weise für die Dauer des Spiels in dieser Figur lebt.

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