“Fantasy einmal ganz anders” – so lässt sich der Roman “Die Zwerge von Amboss” von Thomas Plischke kategorisieren. Es geht in diesem Buch nicht darum, dass zum 1001. Mal irgend eine Welt vor einem dämonischen Unhold á la Sauron gerettet werden muss, sondern es ist schlicht und ergreifend – ein Thriller. Vor dem Hintergrund eines Steam-Punk-Ambientes entwickelt der Autor eine Geschichte um Intrigen, Machtspiele und Profitgier, die auf beklemmende Art vertraut wirkt.

Titelbild: Die Zwerge von Amboss
Hauptschauplatz der Story ist der Zwergische Bund, ein Staat, den die Zwerge aufgebaut haben, nachdem sich ihre beiden Teilvölker, die Berg- und die Seezwerge zu einer großen Nation vereinigt haben. Das Staatsgebiet der Zwerge umfasst einen ganzen Kontinent rund um den Nordpol der Welt auf der sie leben. Mit ihnen zusammen leben die Halblinge. Diese wurden von den Zwerge als Brudervolk bei sich aufgenommen, nachdem ihre Urheimat verloren gegangen war. Im Staat der Zwerge stellen die Halblinge vor allem die Beamtenklasse und besitzen dadurch erheblichen Einfluß.
Das Zwergenreich
Der Zwergische Bund befindet sich auf einer technischen Entwicklungstufe, die in etwa unserem späten 19. Jahrhundert entspricht: Dampf ist die hauptsächliche Antriebskraft, der Straßenverkehr wird zwar noch mit Pferden abgewickelt, aber es gibt ein leistungsfähiges Eisenbahnnetz, Fabriken, Gaslicht – und eine Armee mit modernen Waffen. Die Urbanisierung ist bereits weit fortgeschritten, sehr viele Zwerge leben in Mietshäusern und arbeiten in Fabriken.
Das Staatssystem ist vorgeblich eine Demokratie, alle fünf Jahre wird der “Oberste Vorarbeiter”, wie die Zwerge ihr Staatsoberhaupt nennen, gewählt. Religion ist – zumindest offiziell – abgeschafft, die Zwerge lassen nur die Vernunft gelten, die es er ermöglichen soll, in Verbindung mit fleißiger Arbeit das Glück aller zu schaffen. Gemeinsinnig und brüderlich, wie Zwerge nun einmal sind, stellt ihr Staat eine Art Sozialismus dar: Jeder erhält, unabhängig von der Art seiner Arbeit den gleichen Lohn: Eine Münze für jede geleistete Arbeitsstunde.
Trotzdem gibt es soziale Unterschiede, denn Leistung wird belohnt: Es gibt ein System von Bonuszahlungen, mit denen besonders wertvolle Arbeit honoriert wird. Dadurch gibt es reichere und ärmere Zwergensippen, ja sogar ganz arme Zwerge, denn durch die leistungsfähige Technik mit Fabriken und Maschinen sind viele arbeitslos geworden. Insgesamt erinnert das Staatswesen der Zwerge trotz der Wahlen weniger an eine Demokratie, als vielmehr an eine beklemmende Diktatur in der Art des Stalinismus oder der Nazizeit.
Die Menschen
Außerhalb des Zwergenreiches leben die Menschen in den so genannten Zerrissenen Reichen. Sie sind rückständig, technisch unterentwickelt und großenteils religiöse Fanatiker. Aufgrund der verschiedenen Auslegungen ihres gemeinsamen Glaubens an die “Herren”, ihre Götter, sind ihre Gruppen untereinander zerstritten. Religionskriege, Not und Krankheiten sind allgegegenwärtig.
Daher fliehen viele Menschen in den Zwergischen Bund und versuchen dort Fuß zu fassen. Manche von ihnen schaffen es, Existenzen zu gründen, einige werden sogar reich. Die Masse aber lebt, wie die arbeitslosen Zwerge auch, unter prekären Bedingungen. Vor allem letztere sehen in der Anwesenheit der Menschen den Grund für ihre elende Lage. Hass auf die Menschen gärt daher unter den Zwergen.
Die Handlung
Protagonist der Geschichte ist Garep Schmied, ein äußerlich normaler, aber innerlich kaputter Zwerg. Er arbeitet als Sucher, als eine Art Kriminalkomissar bei der zwergischen Polizei. Schmied stammt aus dem ländlich-sittlichen Norden des Zwergenreiches und ist an seinem Schicksal verzweifelt: Als junger Zwerg war er bei der Sucherschaft eines friedlichen Kleinstädtchens und glücklich verheiratet. Als seine Frau bei der Geburt des ersten Kindes starb, wurde er mit seinem Leben nicht mehr fertig. Er gab seinen kleinen Sohn zur Adoption frei und flüchtete vor der Erinnerung in die große Industriestadt Amboss und in die Arbeit bei der dortigen Polizei.
Trotz seiner Sucht nach dem Rauschgift Blauflechte, schafft er es, zumindest äußerlich nicht abzustürzen und ein erfolgreicher Sucher zu werden. Wieder einmal wird er mit einem Mordfall betraut: Ein prominenter Zwerg, ein Komponist, ist von seinem menschlichen Kammerdiener, mit dem er offensichtlich ein homosexuelles Verhältnis hatte, umgebracht worden. Am Tatort findet sich eine antizwergische Parole, die mit dem Blut des Opfers geschrieben wurde. Der Täter bringt sich jedoch selbst um bevor Garep und seine Kollegen ihn fassen können.
Kurz darauf passiert ein ganz ähnlicher Mord. Bei einem Festakt zu Ehren verdienter Arbeiter erschießt ein menschlicher Kaufmann einen zwergischen Rentner und gleich darauf sich selbst. Obwohl der Fall im Prinzip gelöst ist, ermittelt Schmied im Umfeld des Täters nach Hintergründen. Dabei verhört er auch dessen Geliebte, die Menschenfrau Arisascha von Wolfenstein. Gerade als Schmied anfängt, Unstimmigkeiten in ihren Aussagen aufzudecken, erscheinen zwei Halblinge in Ledermänteln. Sie weisen sich als Komissare der Bundessicherheit aus, der Geheimpolizei des Zwergenstaates, nehmen Arisascha mit und entziehen Schmied den Fall.
Trotz eindringlicher Warnungen seiner Bekannten und vorgesetzten Beamtin, der Halblingsfrau Eluki, ermittelt Garep auf eigene Faust weiter. Eine ihm bekannte Journalistin, von der er sich bei einem Gespräch in einem Teehaus Hintergrundinformationen erhoffte, wird vor seinen Augen Opfer eines brutalen Mordanschlages. Kurz darauf tauchen bei ihm zuhause zwei Agenten der Bundessicherheit auf, die ihn töten wollen und er wird von Arisaschas Bruder gerettet, einem Bestienjäger, der aus Sorge um seine Schwester deren Spur bis zu ihm verfolgt hat. Dann erscheint Arisascha selbst und zwar in Begleitung desjenigen Zwerges, denn Garep wohl am allerwenigsten erwartet hätte. Garep Schmied muss fliehen; unterwegs mit Arisascha erfährt er entsetzliche Dinge über Spionage, Waffenschmuggel, geheime Kriegsvorbereitungen und Machenschaften der Geheimpolizei bis hin zu grausamen medizinischen Experimenten an Zwergen, Halblingen und Menschen, die sich hinter der scheinbar geordneten und biederen Fassade des Zwergenreiches ereignen.
Bewertung
Tomas Plischke hat hier ein wirklich außergewöhnliches Buch vorgelegt, welches gerade auch derjenige lesen sollte, der sonst Fantasy-Literatur der üblichen Art bevorzugt. Beeindruckend ist die Stimmigkeit, mit der Plischke zusammen mit Ole Christiansen seine schöne, neue, seine industriaislierte Zwergenwelt aufgebaut hat. Was er beschreibt, überzeugt als folgerichtige Weiterentwicklung der bekannten, mittelalterlich angehauchten Zwergenwelt in die Neuzeit.
Diese Folgerichtigkeit geht bis zu scheinbar nebensächlichen Dingen wie den Bärten der Zwerge, die im Zwergischen Bund jetzt kurz getragen und von manchen ganz modernen Zwergen sogar vollständig abrasiert werden sowie zwergischen Redensarten, die noch das alte axt- und schmiedehammerschwingende Zwergenleben widerspiegeln. Auch das sture Verhalten von Garep Schmied passt zu einem Zwerg, der ja bekanntlich nie aufgibt.
Die Handlung schließlich wird spannend erzählt, ohne dass Plischkes Stil je reißerisch, klischeehaft oder abgedroschen wirkt. Während Märchen im Grunde immer schwarz-weiß malen, zeichnet sich Fantasy ihnen gegenüber dadurch aus, dass es realistischere Grautöne, helldunkle Charaktere, Helden mit menschlichen Schwächen und Bösewichter mit guten Seiten gibt. Dadurch lassen sich Gestalten aufbauen, die realen Menschen wesentlich ähnlicher sind als Märchenfiguren. Thomas Plischke ist es aber darüber hinaus geglückt, aktuelle gesellschaftliche Problematiken in eine Fantasy-Welt einzubauen und zwar ohne dabei moralisierend zu wirken.
“Die Zwerge von Amboss” ist der Auftakt einer siebenbändigen Reihe, über die noch wenig bekannt ist, sieht man einmal vom Titel des nächsten Bandes, “Die Ordenskrieger von Goldberg”, ab, welcher im März erscheinen soll und in dem es um die weiteren Abenteuer von Garep Schmied und Arisascha von Wolfenstein geht.
Thomas Plischke
Die Zwerge von Amboss
Piper 2008
ISBN 978-3-492-26663-5
Sehr schöner und interessanter Beitrag zum Buch. Ich habe es noch nicht gelesen aber jetzt richtig Lust darauf bekommen. Mein jetziges Buch nähert sich eh schon dem Ende
Vielen Dank!
[...] geht auch das Zwergenreich der Zerrissenen Welten, das der Leser im ersten Band dieser Reihe, “Die Zwerge von Amboss”, kennenlernt: Hier werden ganz deutlich die Probleme der realen Welt thematisert: Arbeitslosigkeit, [...]
[...] des siebenbändigen Fantasy-Roman-Zyklus über die „Zerrissenen Reiche“ und Fortsetzung der „Zwerge von Amboss“ vor. Beschrieben werden darin nicht nur die weiteren Abenteuer der Menschin Arisascha von [...]
[...] welche die „Zerrissenen Reiche“ von Thomas Plischke einmal umfassen sollen. Nach „Die Zwerge von Amboss“ und „Die Ordenskrieger von Goldberg“ hat mich auch „Die Halblinge des [...]